Dietmar Dath
Heike Aumüller

Verbotene Verbesserungen

Herausgeber: Manfred Rothenberger
Texte: Dietmar Dath
Fotografien: Heike Aumüller
Gestaltung: Timo Reger
160 Seiten mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen
Flexcover; 21,5 x 15 cm
Deutsch | Euro 24,00
ISBN 978-3-922895-23-7

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»Schneewittchen war übrigens transsexuell« weiß Dietmar Dath, der nimmermüde Headbanger der deutschen Gegenwartsliteratur, und Heike Aumüller, Performerin und Portraitistin paranormaler Bewusstseinszustände, gibt ihm ausnahmsweise Recht: Sie langt tief hinein in die Abgründe ihrer Bildertrommel und schlägt Daths Prosastücken mit ihren Fotografien den Takt.

Heike Aumüllers fotografische Selbst-Inszenierungen konfrontieren den Betrachter mit absurden Handlungen, skurrilen Haltungen und rätselhaften Ritualen, machen ihn zum Voyeur eines ebenso intimen wie irritierenden Geschehens. Die Künstlerin nutzt das Medium der Fotografie, um mit ihren Körper-Choreographien ambivalente Stimmungen zu erzeugen und Bildräume atmosphärisch aufzuladen, bis sie den Betrachter ganz und gar in ihren Bann ziehen.

In insgesamt 84 Texten setzt sich Dietmar Dath auf die Fährte der Fotografin und spinnt die in ihren Bildern ausgelegten Fäden weiter: Er stößt auf Zombiealarm und Feenzauber, auf Vorsokratiker und Waffenhändler, auf die Schwester des Teufels und das Telefonbuch von El Dorado, auf die Arroganz der ewigen Jugend, Adorno und den Firnis nackter Haut...

In klassischer »Kalendergeschichten«-Manier erzählt Dietmar Dath merkwürdige Begebenheiten aus einem durchgeknallten Jahrhundert – amoralische Schnurren und Schwänke, anarchische Anekdoten und Parabeln. Germanistisch bzw, dialektisch gesehen: Johan Peter Hebel und Bertolt Brecht gekreuzt mit den Simpsons.

Dath bemerkte einmal, er schreibe Texte, »die nicht davon handeln, wie es ist, sondern davon, wie es sein sollte, wie es hoffentlich nicht sein wird oder wie es ganz neutral sein könnte.«
Dies gilt auch für Heike Aumüller, die in ihren Bildern das Unheimliche erforscht, die Ränder der Realität, und in der Drastik der Darstellung Wunsch- und Angstbilder des modernen Menschen gebiert.

So bringen die Widerspenstigkeit in Daths Texten und das Ungezähmte in Aumüllers Bildern die Verhältnisse zum Tanzen – in einem Lese- und Bilderbuch voller überraschender Perspektiven, in einem Märchenbuch für Jung und Alt, für Schlank und Schlau, sehr welthaltig und sehr unerschrocken.

»Satyr und Satire.«
testcard #23, Mainz

September 2013

»Ein junger Mann aus Argentinien brachte mir eine Blitzmeditation bei, die innerhalb weniger Tage durch mehrfache Wiederholung zu überwältigenden Transzendentalerlebnissen führt. Es geht dabei um eine kurze Folge gezielter Berührungen sensibler Körperstellen, insgesamt fünf Stück, wovon man die letzten beiden, da sie den Rücken betreffen, nur mit fremder Hilfe durchführen kann. Sobald man versteht, was das eigentlich bedeutet – dass man manche Erleuchtungen gemeinsam mit anderen Menschen schneller erlangt als alleine – stellt sich augenblicklich eine weitere Erleuchtung ein, die noch viel größer ist als diejenige, welche die Meditationstechnik für sich genommen bewirkt. Und im Gegensatz zu dieser hält sie sogar dauerhaft an.«

Illustriert wird das von einem Foto zweier verschlungener nackter Körper. Scherz, Satire oder tiefere Bedeutung? Mal so, mal so. Dieser kleine Text ist schon einer der »vernünftigeren« in Dietmar Daths und Heike Aumüllers Text-Foto-Bändchen »Verbotene Verbesserungen«, herausgegeben von Manfred Rothenberger. Dietmar Dath, vielen als Ex-Chefredakteur von SPEX und als Filmkritiker bekannt, und die Künstlerin Heike Aumüller, die schon mehrfach zusammenarbeiteten (u. a. im Kammerflimmer Kollektief), bescheren uns eine lockere Mixtur aus den Ingredienzien Trash, Horror, Surreales in Wort und Bild. Schneewittchen war transsexuell, und Odysseus trauert dem Sirenengesang nach, als er zuhause angekommen im Mercedes um den Palast kurvt und keiner sich mehr kümmert um ihn – die »Verbesserungen« der Geschichte und Geschichten wirbeln Zeiten und Personen durcheinander, erzählen seltsame Dinge, die sich nicht ausgehen oder eben ganz anders, kurzum, korrigieren die Gesetze unserer Wirklichkeit, frei nach dem Motto: Was wäre wenn ... Und Heike Aumüllers irreal wirkende Fotografien von Körpern, maskiert, verkleidet, nackt, mal bemalt herumspringend, mal wie eine Leiche liegend, dann wieder als Rapunzel, Fee, Besessene, allesamt nicht-normale oder para-normale Zustände zeigend, harmonieren ganz gut mit diesen kleinen magischen Text-Verdrehungen: Satyr und Satire.

Franziska Meifert

»Surreale Inszenierungen voller bizarrer Accessoires.«
neues deutschland, Berlin

19. November 2012

Die Katastrophe Kammonikutain
Vier Neuerscheinungen von und mit Dietmar Dath

Dieser Text, zugegeben, macht etwas Unübliches. Er stellt vier Arbeiten in einen Zusammenhang, die auf den ersten Blick inhaltlich und formal wenig bis nichts miteinander zu tun haben: ein Vorwort zu Lenins »Staat und Revolution«, das Künstlerbuch »Verbotene Verbesserungen«, die Elektropop-Platte »Farnschiffe« und den Erzählband »Kleine Polizei im Schnee«. Wären vier Werke nicht schon zu viel für eine Rezension, müsste man die Aufzählung ergänzen um den umfangreichen Band »Der Implex« (eine Ideengeschichte des sozialen Fortschritts), einen knapp hundertseitigen Essay über die Fernsehserie »Lost« und den Zombie-Comic »Die Toten«.
Was all diese, in der Tat sehr verschiedenen Arbeiten mehr oder weniger zufällig gemein haben: das Erscheinungsjahr 2012. Was sie ganz und gar nicht zufällig miteinander verbindet: eine Autorschaft. An allen war Dietmar Dath beteiligt. An den meisten maßgeblich. Aber, im Unterschied etwa zu seinen zahlreichen Romanen, an den wenigsten allein.
Dath ist einer, der seine überbordende Schreiblust immer wieder kollidieren, wenn es gut geht: zusammenfließen lässt mit dem, was andere denken und tun. »Zu den Leuten, die ich ganz besonders bewundere«, erzählte er mir während unserer gemeinsamen Arbeit am Gesprächsband »Alles fragen, nichts fürchten«, »gehören diejenigen, die es schaffen, ihre Kunst mit etwas anderem zu belasten, sei es mit etwas Politischem, mit anderen Künsten, womit auch immer. Leute, denen es nicht genügt, sich immer mehr in diesen Knast ihrer Monomanie oder ihrer Obsession hineinzubohren, sondern die nicht vergessen haben, dass sie irgendwann mal angefangen haben mit der Obsession, weil das ihre Art war, sich die Welt zu erschließen.«
Knast auf, die Welt ist draußen. Die Welt: Das sind bei Dath immer die Menschen. Diejenigen Menschen, mit denen er sich in seinen jüngsten Veröffentlichungen auseinandersetzte, stehen ihm nahe, persönlich und künstlerisch, intellektuell oder politisch.
Lenin zum Beispiel. Dath hat einen Einleitungsessay zu dessen Schrift »Staat und Revolution« geschrieben, die in der Reihe »Marxist Pocket Books« vom Laika-Verlag neu aufgelegt wurde. So unzweideutig, wie er sich hier zu seinem Gegenüber bekennt, tun das heute wenige. Darüber, dass Dath Lenins Forderungen teilt, allen voran diejenige nach der »Einschränkung und später Abschaffung aller Eigentumstitel, deren Gebrauchswert ihre Eignung zur Wertschöpfung qua Kommando über fremde Arbeit ist«, lässt er nicht den leisesten Zweifel. Ich will, schreibt er, dass dieses Buch von heutigen Linken gelesen wird!
»Was diese Empfehlung im Jahr 2012 gewiss nicht für sich in Anspruch nehmen kann«, fügt er hinzu, »ist Unschuld«. Den logischen und historischen Einwänden gegen Lenin sowohl von rechter wie von »linksliberaler« Seite entgegnet Dath logisch und vor allem historisch – was ein Bekenntnis zur »Staatsgewalt« einschließt, solange der Verzicht darauf die Niederlage wäre. Aber: »Staatsgewalt genügt nicht, auch das steht in ›Staat und Revolution‹, und wo sie genügen muss, gehen die Rechnungen nicht auf, die das Buch anstellt und begründet.« Die Ausgangsbedingungen für einen Lenin'schen Staat wären, so Dath, heute um ein Vielfaches besser als damals – würde man nur den technischen Fortschritt einem sozialen Fortschritt nutzbar machen. Lenin »hätte so gerne gewusst, was ein Internet ist, der Arme.«
Ein Internet allein macht freilich noch keine bessere Gesellschaft, weiß Dath. Wie entwickelte Technologien sich aufs menschliche Zusammenleben auswirken, hängt nicht von ihrer schieren Existenz ab, sondern auch davon, wer sie steuert und zu welchem Zweck man sie nutzt. Das Buch »Verbotene Verbesserungen« ist Produkt einer fotografisch-literarischen Zusammenarbeit von Dietmar Dath und Heike Aumüller. In einem der darin enthaltenen Texte, inspiriert durch eine von Aumüllers Fotografien – oder umgekehrt? –, liest in der U-Bahn »ein verwüsteter Studienrat auf dem Schirm eines neumodischen E-Book-Lesegeräts Gedichte von Paul Celan«. Was ist dagegen zu sagen? Nichts, wenn er nur läse. Er aber »pumpt«, weil man die Größe verstellen kann, »die Schrift auf«, bis nur noch ein einziger Buchstabe übrigbleibt. »Es ist ein ›u‹, aber das macht nichts. Der Studienrat kichert. Er weiß genau, warum er zur Hölle fährt.« Daths Schreiben ist immer (auch) ein Anschreiben gegen das Verschütten von Geschichte unter den Trümmern des scheinmodernen, globalkapitalistischen Presslufthammers Gegenwart.
Die Texte in diesem Buch sind Erzählminiaturen, selten mehr als eine Seite, oft nur wenige Zeilen lang. Angesiedelt zwischen Märchen und Parabel, gespickt mit Pointen und Aphorismen, trotz ihrer Kürze dicht besiedelt von verbürgten und erfundenen Denkern und Lenkern vieler Jahrhunderte, raffen sie äußere und innere Realitäten in eins und erzeugen so eine dritte, fantastische Wirklichkeit. Man liest von einer assyrischen Liebeskriegerin namens »Steffischätzchen«, man staunt, wie Gott bei McDonald's reinen Tisch macht, man erfährt, was »vegetarischer Kannibalismus« ist (ein Fernsehkoch machte sich »drei Wochen lang komplett zur Rübe und aß sich anschließend auf«) – und irgendwann merkt man, wie der Witz, der sich durch den realfiktiven Wahnsinn stichelt, lauter kleine Sehnsuchtslöcher aufreißt. Dahinter, das »Verbotene«: Glück? Liebe?
Das Zusammenwirken von Bildern und Text ist alles andere als illustratorisch. »Es geht weniger ums Verstehen als um ein Offenhalten«, sagte die Fotografin Heike Aumüller bei einer Buchvorstellung und nannte den gegenseitigen Austausch ein »Ping-Pong-Spiel«. Mal sei dies zuerst dagewesen, mal das. Aumüllers Fotografien, teils farbig, teils schwarz-weiß, zeigen nicht selten kaputte Menschen (meist Frauen, oft nackt) in kaputten Interieurs. Es sind surreale Inszenierungen voller bizarrer Accessoires (Masken, Perücken, Pelze). Die Schwerkraft ist manchmal aufgehoben, es regieren Vereinsamung, Schmerz, Verzweiflung. Und Sehnsucht. Es ist, als würden die Texte die traurigen Bilder ein bisschen trösten.
Die Künstlerin Heike Aumüller ist auch Musikerin. Gemeinsam mit Johannes Frisch und Thomas Weber spielt sie in der experimentellen Karlsruher Elektronik-Rock-Band Kammerflimmer Kollektief, die gemeinsam mit Dietmar Dath vor ein paar Jahren schon die CD »Im erwachten Garten« produzierte. Unter dem schönen Namen The Schwarzenbach, benannt nach der morphiumsüchtigen lesbischen Schweizer Schriftstellerin, Journalistin und weltreisenden Nazifeindin Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942), haben die vier jetzt das wundervolle Album »Farnschiffe« veröffentlicht. Von Dath stammen die (teils deutschen, teils englischen, mal auch »gequägelten«) Texte. Der Dichter singt selbst; ruhig, tief und schön. Wobei Daths Singen oft eher ein melodisches Sprechen ist, das an den richtigen Stellen ausbricht ins unumwunden Musikalische, dann gar ins Schreien. Manchmal, elektronisch verzerrt, scheint Daths Stimme aus einem Jenseits ins Diesseits herüberzuhallen.
Die Musik ist immer schon da, wenn der Text sich einmischt, und bleibt auch danach noch ein Weilchen. Basslinien oder -punkte, knarzende Geräusche, Rückkopplungen, Drumcomputer, vibrierende Synthesizer, Harmonium, Wah-Wah-, Distortion- und Echo-Effekte, Heike Aumüllers sphärischer, zartstarker, oft den Text antizipierender Background-Gesang – der Sound ist ein Teppich, dem man beim Gewobenwerden zuhören kann. Die Fäden kommen aus allen möglichen Gegenden der Popgeschichte, des Bauches und Kopfes. Es sind instrumentelle Stimmen, die stottern, gurgeln, wehklagen, berichten können, jede für sich, alle zusammen. Das klingt mal nervös, mal gelassen, oft melancholisch, aber immer schön.
Daths Texte, gereimte und erzählende, handeln zumeist von traurigen Scheinleben, Weltfluchten und Glückssuchen, den komischen Widersprüchen darin, manchmal scheint so etwas wie ein Ausweg auf. Die gepeitschten Leute in den Songs suchen ihr Heil bei Buddha und beim Psychologen, aber da ist es nicht. Wo ist es dann? »Besser als die Therapeuten / helfen den getrennten Leuten / statt im Kreis herumzuwandern / zwei, drei Worte von den andern / die so wie sie selber leiden / nur die Wahrheit nützt uns beiden«.
In Daths jüngstem Band »Kleine Polizei im Schnee«, einer scheinbar losen Sammlung angefallener Erzähltexte, ist etwas passiert, das die einzelnen Texte dann doch in einen Zusammenhang setzt: die »Katastrophe Kammonikutain«. Eine Naturkatastrophe wie Fukushima, bloß dass der Tsunami die ganze Welt zerbrochen hat? Nein, nicht die Natur ist daran schuld, dass hier ein kleines, starkes Mädchen zerschlagen werden soll oder daran, dass Gewalt, Alkohol und Hass eine kleinbürgerliche Familie fragmentieren, dass es den See mal gibt, dann wieder nicht. Die Katastrophe: Menschen verstehen einander nicht. Der Krebs, der die Mutter des Mädchens getötet hat, heißt »Missverständnisseuche«. Solange die Zellen »chemisch miteinander reden und zusammen arbeiten, damit die Organe, die sie bilden, ordentlich arbeiten«, ist der Körper gesund. »Bei den verrückt gewordenen Zellen funktioniert das aber nicht mehr.«
Die Zellen sind verrückt geworden. Die Organe arbeiten nicht mehr ordentlich. Die Kommunikations-Katastrophe bedroht das Leben von Menschen und Staaten. Was tun? Mit seinen jüngsten Arbeiten demonstriert Dietmar Dath, der die Liebe einmal das »Urmodell des Kommunismus« genannt hat, auf seine Weise, wie der Riss zu kitten sein könnte. Zuhören, Zurückgeben, Zusammengehen. Und den richtigen Moment für den Sprung in die Offensive abwarten.

Martin Hatzius

»Entzücken garantiert.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung

6. November 2012

Dietmar Dath, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, ist in einen Haufen Bilder der Künstlerin Heike Aumüller gefallen, auf denen man Menschen sieht, die Häuser aufessen, Zeit totschlagen, Tiere werden, den Tod ärgern, fliegen, die Welt erobern oder komplett verwerfen – manchmal in entsprechender Berufs- oder Abenteuerkleidung, manchmal auch ganz ohne. Diese Bilder haben den von ihnen Umzingelten gezwungen, alte und neue Geschichten über vegetarischen Kannibalismus bei denkenden Pflanzen, über Thomas Gottschalk, Waffenhandel und den Teufel zu erzählen, die teilweise auf die Bilder antworten, teilweise aber auch von ihnen beantwortet werden. Entzücken garantiert.

»Scharfsinnige Betrachtungen über das zeitgenössische Deutschland, Philosophie, Naturwissenschaft, Märchen und skurrile Misch-Galaxien.«
Persona Non Grata, Leipzig

6. November 2012

Dietmar Dath drang in den letzten Monaten sukzessive in meinen literarischen Mikrokosmos. Vielleicht drang auch mein literarischer Mikrokosmos (den man sich wie ein hustendes Raumschiff vorstellen muss) sukzessive in die Bücher von Dietmar Dath.
Die Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltete einen Vortrag über »Die Abschaffung der Arten«. Und dann wurde mir »Verbotene Verbesserungen« zugesteckt, das im Nürnberger starfruit-Verlag veröffentlicht wurde. Es ist eine Koproduktion von Dietmar Dath und der Fotografin/Künstlerin Heike Aumüller und gilt als gute Einführung in Daths Werk. Hier sind kürzere Cuts versammelt, die absolut großartig sind. Sie sind punktiert, verstörend, fantastisch, aufgeladen, aber nie willkürlich. Den Texten liegt eine elementare Spannung zugrunde. Der Autor möchte die Welt durchdringen. Er möchte zumindest ein paar Absonderlichkeiten in die richtige Reihenfolge rücken. Dadurch setzt er sich von vielen zeitgenössischen Schriftstellern ab. Die Texte haben ein markantes Merkmal: sie sind auf sympathische Weise zwingend.
Dath ist der erste deutsche Autor seit langem, dessen Texte ich umgehend meinen Freunden vorgelesen habe. Es lohnt sich. Charakteristisch ist vielleicht der Satz »Liebe ist zwei Zufälle«, der als Überschrift für eine kleine Abhandlung über Dating-Agenturen dient. Thematisch findet man scharfsinnige Betrachtungen über das zeitgenössische Deutschland, Philosophie, Naturwissenschaft, Märchen und skurrile Misch-Galaxien. „Verbotene Verbesserungen“ ist ein angedeutetes Portrait der Gegenwart, das ihre Abgründe und Merkwürdigkeiten enthält. Dath ist ein Kritiker, der eine gewisse Nonchalance gegenüber seinen Inhalten aufbringt. Und die Fotos von Heike Aumüller funktionieren selbstständig, harmonieren aber sehr gut mit den Texten.
Überhaupt ist das Buch sehr edel gestaltet und produziert. Man sollte sich von dem befremdlichen Cover (das jenseits aller gewohnten Umschlaggestaltung stattfindet) nicht abschrecken lassen. Man sollte die 24,-- € investieren. Zweifellos.

Joshua

»Höchst erotische Verschmelzung zwischen zwei Künstlern.«
uMag, Hamburg

November 2012

Dietmar Dath ist ein Quertreiber. Einer, der sich nicht in eine Schublade stecken lässt. Journalist, Schriftsteller, Theoretiker zwischen links und rechts. Jüngst erst hat er mit dem Karlsruher Ambient-Projekt Kammerflimmer Kollektief (sic!) eine CD veröffentlicht. Und weil Kammerflimmer-Kollektief-Keyboarderin Heike Aumüller sich ebenfalls nicht festlegen lässt, sondern neben der Musik auch als Bildende Künstlerin aktiv ist, haben beide gleich noch ein Künstlerbuch veröffentlicht, »Verbotene Verbesserungen«.
Aumüller macht Fotos, rätselhaft, verstörend. Und Dath? Schreibt kurze Texte dazu, seine angeschrägten, lustigen, verwirrenden Texte, ohne die Aumüllers Fotos uneindeutig bleiben würden, die aber ohne Aumüllers Fotos ebenfalls in erster Linie wirr wären. So ist ein Gesamtkunstwerk entstanden, das man als höchst erotische Verschmelzung zwischen zwei Künstlern interpretieren kann. Dath wäre so eine Interpretation natürlich viel zu profan.

Falk Schreiber

»Intuitiv, überraschend, gut – wie Ambient Free Jazz auf Papier.«
artline.org, Freiburg

24. Oktober 2012

Die Karlsruher Künstlerin und Musikerin Heike Aumüller („Kammerflimmer Kollektief“) fotografiert ihren Körper gerne als nacktes Dada-Möbel, als schlaffes Ding auf dem Kleiderbügel oder als Leiche im Gras. Die zentralen Fragen, die ihre Arbeiten stellen, lauten: Wo bin ich? Und: Wer bin ich? Um das auch im Spiegel der Literatur zu klären, hat sie nun den Autor Dietmar Dath eingeladen, auf ihre cool versponnenen Selbstverortungen mit seiner nicht minder irrlichternden Prosa zu reagieren. Intuitiv, überraschend, gut – wie Ambient Free Jazz auf Papier.

Dietrich Roeschmann

»Das Buch ist Zeuge und Übermittler einer außergewöhnlichen künstlerischen Kollaboration.«
gallerytalk.net

16. Oktober 2012

Das Buch ist Zeuge und Übermittler einer außergewöhnlichen künstlerischen Kollaboration. Inspiriert von den Fotografien Heike Aumüllers gibt Dietmar Dath seine Prosa zum Besten. Seine Geschichten sind so fern des eigenen Alltags aber haben dennoch so viel mit der eigenen Realität zu tun. Niemandem der dieses Buch wahrgenommen hat, wird die zeitgenössische Fotografie danach noch fremd sein.

Der Klappentext verrät: »Schneewittchen war übrigens transsexuell« weiß Dietmar Dath, der nimmermüde Headbanger der deutsche Gegenwartsliteratur, und Heike Aumüller, Performern und Portraitistin paranormaler Bewusstseinszustände, gibt ihm ausnahmsweise Recht: Sie langt tief hinein in die Abgründe ihrer Bildertrommel und schlägt Daths Prosastücken mit ihren Fotografien den Takt.

»Die assyrische Kriegerkönigin Steffischätzchen heiratet einen Löwen, Telemachus spielt Ego-Shooter, eine Eichhörnchentruppe gibt den Hamlet. Was soll das alles nur?«
Der Tagesspiegel, Berlin

10. Oktober 2012

Königin Steffischätzchen

Thomas Gottschalk spürt eine Unruhe unter der Kopfhaut. Er fragt sich, ob es an der Zeit ist, »die Religion zu wechseln, sich operieren zu lassen oder eine unplausible Sportart zu erfinden«. Die assyrische Kriegerkönigin Steffischätzchen heiratet einen Löwen, Telemachus spielt Ego-Shooter, eine Eichhörnchentruppe gibt den Hamlet. Was soll das alles nur? Dietmar Daths »Verbotene Verbesserungen« sind knappe literarische Laborexperimente. Sympathisch versponnen pendeln sie zwischen (Pseudo-)Wissenschaftlichkeit und hintersinnigem Ulk, zwischen Fabel, Gleichnis und historisch-fantastischer Miniatur. Dath wirft seine Protagonisten in absurde Situationen, spielt Zaubermeister möglicher Welten.
Fotos von Heike Aumüller begleiten Daths Gedanken- und Erzählsplitter. Darauf: viele nackte Leiber, verrenkt, verzerrt, kopfüber oder im Sprung. Meist nehmen sie die Texte in assoziativer Weise auf, kommen ähnlich verspielt daher. Aumüller, Jahrgang 1969, studierte in Karlsruhe Kunst und hat sich durch Konzerte und Performances mit dem »Kammerflimmer Kollektief« hervorgetan. Mit Dietmar Dath arbeitete sie schon zuvor zusammen, etwa 2009 bei dem Musikbuch »Im erwachten Garten«.

Kaspar Heinrich

»Die Welten, sagt dieses Buch, sind veränderbar, vielleicht auch die Welt.«
junge Welt, Berlin

10. Oktober 2012

Sozialdemokratie ist wie Hagebuttentee

Das Paradoxe: Wegen Kürze fallen nicht wenige der über 80, oft nur wenige Sätze langen Geschichten Daths in die Rubrik Aphorismus. Nur: Sie erzählen ein Ganzes, jede ist ein kleiner Kosmos, der – wie das bei Universen so ist – wenig mit anderem kommuniziert. Der Grund: Es handelt sich um Märchen, manche für Kinder, d.h. es geht um die Überwältigung von Ödnis, Gemeinheit, Langeweile und allem, was sogenannte Realität der hiesigen Gesellschaft ausmacht, durch eine Erfindung, ein (irdisches) Wunder, durch Schönheit. Und zwar zu allen Jahreszeiten, Ländern, Sternen und anderen Plätzen in der Galaxie. Das geht dann z.B. so: Die Liebe wohnt beim Menschen »im Oberkörperfell«, allerdings: »Den meisten wächst gar keins, weil sie böse sind.« (...) Märchen sind so ziemlich alles, wie die Wirklichkeit selbst, sie haben einen universalistischen Zug. Sie sind märchenhaft und prosaisch, drastisch und nichtssagend, vor allem aber stellen sie eine eigene Welt dar, in der im allgemeinen, aber nicht immer, Verbesserungen stattfinden. Das war bei Rotkäppchen und bei den sieben Geißlein schon so. Mit Verbesserungen der Welt außerhalb von Märchen bleibt es schwierig, deswegen stehen die im Geruch von Utopie. In Daths Geschichten knallen die zwei Welten – die der Märchen und die der Dinge und Verhältnisse – zusammen, zumeist mit überraschendem Ergebnis.
Die Fotos von Heike Aumüller in diesem Band sind keine Illustrationen, sondern Experimente. Das ist den Geschichten angemessen. Die Welten, sagt dieses Buch, sind veränderbar, vielleicht auch die Welt. Da wird hellwach geträumt und es gibt – unüblich bei den meisten Verbesserern – Humor.

Arnold Schölzel

»Achtung, dieses Buch im öffentlichen Nahverkehr zu lesen ist gefährlich.«
Fräulein Julia, Blog

9. Oktober 2012

Achtung, dieses Buch im öffentlichen Nahverkehr zu lesen ist gefährlich: Nicht nur wird man unentwegt aufgrund des nicht gerade unauffälligen Covers angestarrt – man kann sich auch ein gelegentliches, impulsives Kichern nicht verkneifen. Denn die Texte – sie sind mal nur ein paar Zeilen, mal zwei Seiten lang –, die Dietmar Dath in diesem Taschenbuch mit dem Titel »Verbotene Verbesserungen« gesammelt hat, sind so kurios, ideenvoll und manchmal auch ein wenig beknackt. Sicher ist: Sie halten immer eine Überraschung bereit für den Leser und bringen uns auf gedankliche Pfade, die wir sonst wahrscheinlich niemals betreten hätten. Da ist die Geschichte vom Entfesselungskünstler Houdini, der sich »aus Anlass einer unlogischen Liebesgeschichte dermaßen in seine eigenen Ausreden« verstrickte, »dass er sich volle vier mal selbst googeln musste, bis er sich wiedergefunden hatte, was wirklich nicht einfach war, da es ja schließlich damals noch überhaupt kein Internet gab«. Oder der Text über die unglücklich verliebte Germanistin aus Hamburg, die sich vor der Welt und den Kollegen in einen schwülstigen Heimatroman flüchtet« – wo sie allerdings von zwei eifrigen Studenten aufgespürt wird, die für ihr Seminar zum Thema »Kitsch in der Weimarer Republik« in besagtem Roman forschen. Kongenial werden die Episoden dabei von den Fotografien von Heike Aumüller begleitet, bei denen man nicht weiß, was zuerst da war: Ließ sich Dath von den Bildern inspirieren oder entwickelte Aumüller die Motive auf Grundlage der Texte? Eigentlich auch egal. Fakt ist: Dieses Buch wird euch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern, sofern ihr eine Vorliebe für Details, Sprachspiele, scheinbar unlogische Zusammenhänge und einen hinterlistigen Umgang mit dem Leser habt! Julia Schmitz

»Merkwürdige Begebenheiten aus einem durchgeknallten Jahrhundert.«
Nürnberger Zeitung

8. Oktober 2012

Aus Franken in Frankfurt: Der starfruit-Verlag

Ein neues Früchtchen des frechen Fürther Idealisten-Verlags Starfruit ist da. Am Dienstag wird auf der Frankfurter Buchmesse das Künstlerbuch »Verbotene Verbesserungen« vorgestellt. Der Autor Dietmar Dath und die Künstlerin Heike Aumüller lehnen sich darin weit aus dem Fenster des Gewöhnlichen.

Dietmar Dath ist kaum zu fassen. Einerseits als Dichter, Metal-Fan und Marxist bekannt, leistet sich andererseits die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn als Redakteur. »Sehr viel Unfug ist über den Autor Dietmar Dath im Umlauf«, gibt er Selbstauskunft. »Einiges davon hat er selbst lanciert, anderes kommt daher, dass die Leute immer nicht richtig sagen oder schreiben können, was sie denken«.

Was die Unfassbarkeit betrifft, steht Heike Aumüller dem Radikalpoeten in nichts nach. Ihre bizarren fotografischen Selbst-Inszenierungen finden oft in fremden Wohnungen statt. Meistens ist sie bei den Choreografien nackt. Wenn Dath fabuliert, dass Schneewittchen »übrigens transsexuell« war, oder, dass sein Bett ihn »endlich richtig herum« träume, greift er damit sprachlich nicht weniger skurrile Bildideen auf, wie Aumüller sie performt. Das Zauberwort heißt Assoziation.

Als Künstlerkombination sind die beiden ein gefundenes Fressen für Manfred Rothenbergers Ein-Mann-Verlag starfruit, der nun schon zum vierten Mal ein ungewöhnliches Gemeinschaftsprojekt zwischen einem zeitgenössischen Schriftsteller und einem bildenden Künstler publiziert. Rothenberger hatte Aumüllers wilde Werke 2010 für eine Ausstellung nach Nürnberg geholt. Die kosmopolite Künstlerin (Jg. 1969) wiederum hatte den Draht zu Dath. Das Feuer war gelegt.

In den 84 Texten des Buches spinnt der 1970 geborene Freigeist aus der FAZ auf zuweilen sehr poetische, zuweilen auch urkomische Art die Fäden weiter, die Aumüller choreografisch hinterlässt. »Liebe ist zwei Zufälle« heißt ein Ergebnis, »Der Schwäche gehorchen« ein anderes und im kurzen Text »Atempaar« wird ein »Oberkörperfell« als Zentrum menschlicher Liebe ins Feld geführt: »Den meisten wächst gar keins, weil sie böse sind.« Aumüller hingegen ist auf dem nebenstehenden Foto in einer Art Körperfelldecke gehüllt am Tanzen.

»Merkwürdige Begebenheiten aus einem durchgeknallten Jahrhundert« nennt Manfred Rothenberger das Sammelsurium an ambivalenten Stimmungen und atmosphärisch aufgeladenen Räumen. Mit denen ein Kaleidoskop an Wunsch- und Angstbildern des modernen Menschen aufgefächert wird: »Literatur und Künstler arbeiten da an den selben Fragestellungen«. Die »Verbotenen Verbesserungen« sind kein Buch für alle Fälle, aber auf alle Fälle ein außerordentlich anregendes Buch.

Christian Mückl

»Differenzierte, zeitgemäße Zivilisationskritik.«
der Freitag, Berlin

8.12.2012

Der fantastische Mr. Dath


Universum Dietmar Dath ist ein Vielschreiber, zuletzt erschien der Roman »Pulsarnacht«. Gibt es einen Faden durch sein jüngstes Werk?

Auf glatt sechs Buchpublikationen hat er es in diesem Jahr gebracht. Außerdem hat er eine CD besungen, ganz zu schweigen von seiner enormen tagespolitischen Produktion. Der formale wie inhaltliche Bogen, den er in seinen Werken schlägt, ist ausufernd weit. Das begann im Frühling mit einem Gewaltmarsch durch die Philosophiegeschichte in dem 800-seitigen Theoriewälzer »Der Implex«, den er mit Barbara Kirchner bei Suhrkamp herausbrachte. Es folgte ein sprachlich dichter Essay, der die Fernsehserie »Lost« (Diaphanes-Verlag) in ihrer bild- und erzählgewaltigen Komplexität zu fassen vermag. Dann beschäftigte er sich mit der Aktualität von Lenins Staat und Revolution (marxist pocket books-Reihe im Laika-Verlag), für das er ein gut zwanzigseitiges Vorwort geschrieben hat.

Stellenweise schlicht genial ist der 250-seitige Erzählband »Kleine Polizei im Schnee« (Verbrecher-Verlag). Und mit der Künstlerin Heike Aumüller brachte er den Bild- und Text-Band »Verbotene Verbesserungen« (starfruit publications) heraus – als Mitglieder der Band The Schwarzenbach haben die beiden auch eine minimalistisch klingende Musik-CD mit Texten von ihm veröffentlicht. Im wahrsten Sinn des Wortes gekrönt wird diese eifrige Publikationsserie dieser Tage mit dem 400-seitigen Science-Fiction-Epos »Pulsarnacht« (Heyne).

Differenzierte, zeitgemäße Zivilisationskritik

Kein Zweifel, für Dath-Fans gibt es in diesem Jahr besonders viel zu lesen, aber gibt es auch ein Element, das die verschiedenen Werke verbindet? Anders gefragt, was haben eine Weltraumsaga wie »Pulsarnacht« mit kilometerlangen Raumschiffen und einer Stargate-ähnlichen Wurmloch-Infrastruktur, Wladimir Iljitsch Lenins Revolutionsbrevier, von Dath wegen dessen antiliberalen Haltung als hochaktuell gelobt, und eine popkulturelle Mythenlese in Form lyrischer Miniaturtexte wie in »Verbotene Verbesserungen« gemeinsam? Haben sie überhaupt etwas gemeinsam? Die Antwort lautet, ja, es ist die differenzierte, zeitgemäße Zivilisationskritik. Und die ist zwangsläufig so komplex, wie sie ihrem Wesen nach antikapitalistisch und herrschaftskritisch ist. Faszinierend an Dath ist, wie er diese gesellschaftskritische Lese in so verschiedenen thematischen Feldern und Texten umsetzt.

»Der Implex«, den der 1970 geborene Autor, Ex-Spex-Chefredakteur und FAZ-Angestellte, zusammen mit Barbara Kirchner geschrieben hat, thematisiert auch die »Entzauberung der Welt« (Max Weber). Das »Verjagen der Feen« stellte für E. T. A. Hoffmann das Urverbrechen des Kapitalismus dar, sozusagen die grundlegende mentale und kulturelle Enteignung, die am Beginn der Moderne steht und in ökonomischer Hinsicht mit dem einherging, was Marx als »ursprüngliche Akkumulation« bezeichnete. Die Auslöschung der Poesie und der Siegeszug der Prosa als Folge der bourgeoisen Selbstemanzipation lassen den Realismus zur »ersten Bürgerpflicht« werden. Und eben diesem Realismus rückt Dath (allein oder in Kooperation mit anderen Künstlern) zu Leibe. Das ist natürlich kein kulturpolitisches Programm im strengen Sinn, sondern vielmehr eine künstlerische Strategie, die seine Texte durchzieht.

Der Ausweg sind die anderen

Die Popkultur ist voller Mythen und »verzauberter« Wesen samt den dazugehörigen Welten. Vor allem in den Genres Mystery und Science-Fiction tummeln sich die alternativen Realitäten, die unsere politische, soziale und kulturelle Wirklichkeit prismatisch brechen können. Insofern ist Daths Essay über die Fernsehserie »Lost« paradigmatisch für seine Exkursionen in jenseitige Realitäten, bildet der Schauplatz der Serie doch in nuce eine Gesellschaft und eine Zivilisation ab. Eine Gruppe Überlebender sitzt nach einem Flugzeugabsturz auf einer geheimnisvollen Insel fest, die »wissenschaftlich-technisches Artefakt«, »verhaltenspsychologische Versuchsanordnung« oder »„theologisches Jenseits« sein könnte. Übernatürliche Phänomene, gruppendynamische Prozesse um Leidenschaft, Schuld und Verantwortung und ein radikales Ausgeliefertsein gegenüber einer höheren Macht, die es stets zu hinterfragen gilt, sind die Rahmenbedingungen, unter denen Möglichkeiten und Grenzen kollektiver Handlungsmacht thematisiert werden. Die Insel zu verlassen, scheint unmöglich. »Der Ausweg, das sind die anderen«, sagt Dath und meint damit, dass es darum geht, sich um andere zu kümmern. »Solipsismus und ausgedachter Erfahrungszweifel haben in »Lost« nämlich immer Unrecht.«

Dass Gewalt eine tragende Rolle in diesen gesellschaftlichen Aushandlungen und Entwicklungen spielt, schlägt sich direkt in Daths Prosa nieder. In den Erzählungen »Kleine Polizei im Schnee« geht es immer wieder um Gewalt: die körperliche und psychische in der Familie; die der Straße und auch militärische Interventionen. Einige Figuren tauchen in dem Band immer wieder auf: So eine Soldatin, die erst für die NATO kämpft und schließlich zur Söldnerin wird. Dann gibt es die in einigen Texten wiederkehrenden Personenanordnung, die an ein Computerrollenspiel erinnert, noch einen Psychologen, einen Spurenleser und einen geheimnisvollen Strippenzieher.

In »Verbotene Verbesserungen« stehen Daths kurze, manchmal nur einige Zeilen lange Texte den Bildern von Heike Aumüller gegenüber, die ebenso apokalyptisch wirkende wie alltägliche Augenblicke miteinander verbinden und Menschen in Grenzbereichen zeigen. Friedlich und konfliktfrei geht es bei Dath nie zu, wobei Gewalt weder verherrlicht noch moralisierend beklagt wird. Vielmehr ist sie einfach Teil einer sozialen Wirklichkeit, egal ob von Tätern begangen oder von Opfern erlitten.

Reptilienartige Wesen, Hunde-Aliens und superintelligente Quallen

Das gilt auch für »Pulsarnacht«. Der Roman spielt in einer nicht näher benannten Zukunft, in der sich neben Menschen unterschiedliche Spezies in einem Weltraum-Imperium tummeln. Dessen politische Machtzentrale ist der aus einem riesigen Diamanten bestehende Himmelskörper Yasaka, eine Megalopolis. In ihr herrscht die Präsidentin Shavali Castanon, ihr Gegenspieler ist ein ehemaliger Befehlshaber aufständischer Armeen in einem zurückliegenden interstellaren Krieg, er lebt in der Verbannung auf einer riesigen planetenähnlichen Kreatur. Reptilienartige Wesen, deren menschenähnliche Sklaven, Hunde-Aliens und superintelligente Quallen bevölkern das Universum, in dem in einem fort Ränke geschmiedet werden, um sich Waren, Gebiete und technische Entwicklungen anzueignen.

In dieser Welt gibt es keine Krankheiten mehr, dafür mehr als zwei Geschlechter, alle frei wählbar, und da Tote aus Körperteilen reproduziert und reanimiert werden können, kennt man eine Gesetzgebung zur Beschränkung des Alters. Die Nomenklatura der interstellaren Imperial-Demokratie genehmigt sich natürlich den Unsterblichkeitsstatus. Diese Ordnung droht schließlich von einem Moment auf den anderen durch die Titel gebende »Pulsarnacht« in sich zusammenzufallen. Denn plötzlich setzen alle Pulsarsterne im Universum ihre rhythmischen Aktivitäten aus. In der Folge bricht die staatliche Macht auf Yasaka zusammen, und es kommt zu Naturkatastrophen. Diese soziale und ökologische Implosion verändert kurzfristig die Kräfteverhältnisse, langfristig wird das ganze Herrschaftssystem in Frage gestellt.

Es entsteht das Bewusstsein für eine ökologische Macht, die sich der Beherrschung durch menschliche Rationalität entzieht. Die Vorstellung einer »Pulsarnacht« geistert darin erst als nicht ernst zu nehmender mythologischer Überrest einer menschlichen Sklavenreligion durch den Roman. Diese menschenähnlichen Sklaven, die Dims, werden schließlich freigelassen und kehren auf ihren ursprünglichen Heimatplaneten zurück. Dort herrscht indessen ein dauerhafter anarchischer Kriegszustand, der halbe Planet steht in Flammen, und in einer archäologischen Siedlung versucht man, sich gegen die ständigen Überfälle von Warlords zu verteidigen.

Solidarische Begegnung

Kann der vielschichtige »Implex« als Angebot an den Leser verstanden werden, sich an die Orte von gelungenem oder verpasstem »sozialen Fortschritt« durch den Lauf der Geschichte zu begeben, so öffnet »Pulsarnacht« eine Vielzahl von Zugängen in eine soziale, kulturelle, wissenschaftliche und politische Möglichkeitsgeographie. Während das »Lost«-Universum auf eine kleine pazifische Insel passt, weitet Dath in seinem Science-Fiction-Roman den Kampf um zivilisatorische und gesellschaftliche Aushandlung fast ins Unendliche.

Dass sich die Aliens und Menschen dabei sehr weit von unserer Wirklichkeit entfernen, ist eben die Voraussetzung dafür, dass Dath durch sein Personal zeigen kann, wie kollektiver Geist funktioniert. »Beziehungen zwischen Leuten sind Lebewesen. Mehrere können zusammenleben, das ist dann eine Ökologie«, räsoniert die gestürzte Präsidentin am Ende, bevor sie wieder auf ihren Erzfeind und Ex-Geliebten trifft. Ökologie ist hier schlicht und einfach als ein soziales Gefüge zu verstehen, in dem sich Lebewesen aufgeschlossen und solidarisch begegnen. Sie tun das fern von biologischen Zuschreibungen und gesellschaftlicher Hierarchien, von denen es im Kosmos der »Pulsarnacht« jede Menge gibt. Dietmar Daths Zukunfts-Epos klingt dann sehr versöhnlich aus, was ganz einfach daran liegt, dass sich seine Figuren ihrer Handlungsmacht bewusst werden. Das verändert die Welt zwar nicht mit einem Schlag, es ist aber ein erster Schritt in die Herrschaftslosigkeit.

Florian Schmid

»Eine große Vermengung von Mythos und Pop.«
literaturkritik.de

Januar 2013

Und Gott schoss mit Napalm


Wikipedia bezeichnet »Headbangen« als eine »Tanzform«, die sich durch die Bewegung des Kopfes auszeichnet. Die Bewegung des Kopfes kann entweder »schnell vor- und rückwärts, seitwärts, im Kreis oder in Achterform« von statten gehen, sollte aber auf jeden Fall mit dem Takt der Musik korrespondieren. Auch mögliche Gesundheitsrisiken bleiben nicht unerwähnt, als da wären: Aneurysmen und Schlaganfälle.
Der Nürnberger Kleinstverlag starfruit publications bezeichnet Dietmar Dath im Klappentext als den »nimmermüden Headbanger der deutschen Gegenwartsliteratur«. Eine Metapher, die es sich einfach damit macht, vieles mit einzubeziehen aus der öffentlichen Wahrnehmung des Dietmar Dath. Er ist ein Provokateur genannt worden, multidisziplinärer Fabulierer, Polit-Denker und immer wieder Kommunist. Er hat, was das letztere angeht, noch nicht einmal widersprochen und sich somit einen exklusiven Rang erschrieben: Dath gilt als letzter Vertreter der Spezies des politischen Autors, der daran glaubt, mit Hilfe von Literatur eine Systemveränderung bewirken zu können und diese tendenziell naive Denke skandalöserweise mit bestechendem Intellekt und überbordendem Fleiß unterfüttert.
An die vierzig Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und theoretische Schriften hat dieser Headbanger in knapp 17 Jahren veröffentlicht, Übersetzungen und Journalistisches nicht mitgerechnet. Zuletzt erschien »Der Implex«, ein Manifest für den sozialen Fortschritt, eine sozialistisch tendierende Zukunftsvision.
Wie angenehm, dass von diesem Wust an politischem Background im kleinen Band aus dem Hause starfruit nicht viel zu merken ist. »Verbotene Verbesserungen« versammelt auf 160 Seiten knapp 80 »Cuts« oder »Miniaturen«, kurze Denk-Stimulantien, die mit den Fotos von Heike Aumüller gegen-reagieren. starfruit publications sind auf das Zusammenarbeiten von Künstlern unterschiedlicher Sparten spezialisiert. Dennoch steht in diesem Fall die Textebene deutlich im Vordergrund. Aumüllers Fotos nehmen zwar in den meisten Fällen darauf Bezug, oft jedoch arg plump und mit Hilfe von kaum ironisierten Klischees. Die Belästigung des Lesers mit dem ewig gleichen, nackten Frauenkörper führt nur dazu, dass die Bilder am Ende fast kaum noch Beachtung erfahren.
Daths kleine, merkwürdige Erzählungen hingegen sind wie der Haken im Hemdkragen des Lesers. Mit betonter Lässigkeit erzählt Dath etwas an, verdichtet potentielle Romanideen und vielsagende Anekdoten und dampft sie auf lyrische Größenmaße ein. Das erinnert beispielsweise an Jorge Luis Borges, der es mit frühem postmodernistischem Gestus gar nicht mehr für nötig hielt, den Roman auch wirklich zu Ende zu erzählen.
Dath bedient sich stofflich bei allem, was Gegenwart und Vergangenheit zu bieten haben und so reichen die Topoi von den unvermeidlichen Cuts über die Liebe, über Energiefrage, Neurologie, Disjunktivismus und Kunstkritik bis hin zu Samuel Kochs »Wetten, dass..?«. Dath lässt Wohnungen Weisheiten wie »Sozialdemokratie ist wie Hagebuttentee« aussprechen, Houdini sich selbst googeln, den Rapper Raekwon Reibekuchen ohne Muskatnuss essen und Gott mit Napalm auf die moderne Welt schießen. Schneewittchen besitzt gar einen »sehr schönen Penis«. Es ist eine große Vermengung von Mythos und Pop.
In der Fülle und bei längerem Lesen entsteht so der Eindruck einer Poetik der Möglichkeit. Dath geht es zwar schon um die Inszenierung einer Doppelbödigkeit, die bei solchen Formen ja immer als Mehrwert-Indikator herangezogen werden muss, vor allem stilisiert er aber das reine Vermögen. All das sind Komplexe, die man entweder als Erzählanlass für mehr nehmen, oder, wie Dath es vorführt, drehen kann, bis aus etwas Nachvollziehbarem etwas Skurriles, Absurdes, manchmal sehr Surreales wird. Der Autor lässt das Erzählen nur aufflackern und spielt mit den falschen Erwartungen des Lesers, die dessen konventioneller Erfahrung entspringen.
Ein Beispiel: »Im hohen Alter beschloss Dalí einen Picasso zu fälschen. Siebzehn Anläufe brauchte er, dann kam schließlich etwas dabei heraus, das wie ein von Chagall gefälschter Miró aussah.« Die ironisch gefärbte Schnoddrigkeit dieses Auftakts ist exemplarisch, keine zehn Zeilen weiter unten sind wir bei einem sprechenden Hamster mit übler Laune angelangt. Und das ist auch die eigentliche Meisterschaft, die Dath sprachlich vorführt: Die ersten Sätze dieser Miniaturen sind oft brillant, in geziert wissenschaftlich-journalistischem Ton, der die eigentliche Absurdität des Sachverhalts nicht zu verschleiern sucht. Im Gegensatz dazu stehen oft die Pointen, plumpe Witze, die sich der Autor offenbar nicht verkneifen konnte, und die eine Anekdote fast immer besser machen, wenn man sie wegstreicht.
Überhaupt hätte man die Auswahl an Texten auch noch ein wenig eingrenzen können. Die Borges’sche Andeutungsprosa, die Komplexität zwar manchmal nur vorgibt, aber auch dann unterhält, hätte ein in sich stimmiges Buch ergeben. Dazwischen aber tobt sich der Lyriker in hermetisch abgeriegelten Texten aus. Wo »Ich« und »Wir« die auktoriale Souveränität verdrängen, leidet die Qualität: »Mein Bett träumt mich endlich richtig herum. Ich bin alle deine Sprechzeiten, du kannst mir sagen, wo du dich küsst, wenn du mich suchst, wo ich nicht bin, weil du schon da bist.« Das reicht über den Wert einer lyrischen Spielerei nicht hinaus, der gewünschte Effekt tritt nicht ein.
Dennoch überwiegt am Ende der Eindruck, dass hier der Intellekt des Dietmar Dath eine angemessene Ausdrucksweise gefunden hat. Unbekümmert, unangestrengt, gar nicht aufdringlich politisch oder weltverbessernd und nur manchmal ein bisschen Heavy Metal. Zwischen sinnreichen Bonmots und ins Absurde schielenden Geschichtsmanipulationen scheint eine resignativ zufriedene Haltung hervor: »Und es gab keine Lösung, keine Hoffung und kein Ziel. Immerhin schien die Sonne«, schreibt Dath in »Kein richtiges Rennen« und formuliert so aufs präziseste die immer wieder angedeutete, gar nicht so bittere »Auch-okay-Philosophie«.

Andreas Thamm