Gerhard Falkner
Yves Netzhammer


Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs

 

Auf der Shortlist für die »Die Schönsten deutschen Bücher 2015«


Herausgeber:
Manfred Rothenberger, Constantin Lieb und Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger
Gedichte: Gerhard Falkner
Filmstills: Yves Netzhammer
Übersetzung: Ann Cotten, Jeremy Gaines


128 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen
Hardcover; 21,5 x 15 cm
Deutsch/Englisch | Euro 19,90
ISBN: 978-3-922895-26-8

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starfruit publications veröffentlicht regelmäßig außergewöhnliche Gemeinschaftsprojekte von zeitgenössischen Autoren und Künstlern. »Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« ist die mittlerweile siebte starfruit-Veröffentlichung, sie verbindet Gedichte von Gerhard Falkner mit Filmstills von Yves Netzhammer.

Mehrere Gedichtbände ­­– von »so beginnen am körper die tage« (1981) bis »Hölderlin Reparatur« (2008) und »Pergamon Poems« (2012) – sowie seine Streitschrift »Über den Unwert des Gedichts« (1993) haben Gerhard Falkner als einen der einflussreichsten und markantesten Lyriker seiner Generation etabliert.

Mit den Ignatien, einer Sammlung von 20 Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs, setzt Falkner nun einen weiteren Markstein. Als »Minnesänger der Moderne« (Kurt Drawert) überschreitet er die Borderline aller lyrischen Konvention und schreitet tief hinein in die Innenräume des Ich. Falkners Gedichtzyklus kreist um das Sein des Menschen im 21. Jahrhundert und darum, wie sich dieses Sein im Bewusstsein und in der Sprache widerspiegelt bzw. bricht. Mit den Ignatien erprobt Falkner verschiedene Muster »manischen Sprechens«, lässt »radikales Schönheitsverlangen auf moderne Ernüchterungsstrategien« treffen und konfrontiert lyrische Verzauberung mit brutaler Realität bzw. Erkenntnis.

Kongenial begleitet werden Falkners Gedichte von den Bildern Yves Netzhammers, ebenso berührenden wie beunruhigenden Piktogrammen zu den Kernfragen unserer Existenz, surrealen Bildwelten zwischen technoider Künstlichkeit und emotionaler Intimität. So wie Falkner Tradition und Moderne, lyrisches Pathos und lakonische Härte aufeinander bezieht, schafft Netzhammer verstörende Bildwelten, in denen das Innere nach Außen gekehrt, und Unbewusstes ins Bewusstsein gerückt wird.

»Es geht um die Chance des Bildes in einer vom Verstehen regierten Welt«, darum, »nach den Mustern unserer Wahrnehmung zu suchen, nach diesem untergründigen Parallelsystem, in dem sich unsere Wünsche und Ängste, unsere Vorurteile und Ambivalenzen verstecken.« (Yves Netzhammer)

In ihrem selbstverständlichen Gegenüber bilden Falkners Gedichte und Netzhammers Bilder eine dialektische Partitur, einen gewaltigen Chor aus poetischen und visuellen Energien.

»Frei von Nostalgie.«
bn.bibliotheksnachrichten, Salzburg

3/2015

Ein originelles Therapeutikum gegen den drohenden Nervenzusammenbruch des erschöpften Smartphone-Users

Ignatien – sind das etwa Exerzitien im Geiste des Ignatius von Loyola? Nein, gemeint sind die Samen der Ignazbohne, die in der Homöopathie gegen verschiedene Leiden eingesetzt werden, unter anderem »gegen Krankheitszustände, die von Gram erzeugenden Vorfällen entstehen« (Samuel Hahnemann). Falkner hat sich intensiv mit dem Krankheitsbild der bipolaren Krankheit beschäftigt und ist von der manischen Sprache, die Dichter wie Hölderlin oder Nietzsche verwendeten, fasziniert. In seinen Ignatien ist ein fernes Echo dieser Stimmen zu hören – »Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn / aus der Enge der Ordnungen / dem Ingrimm der Zeichen / in entsprechender Zeit?« Befürchtete Rilke bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Verlust von Innerlichkeit, so droht dem Individuum im digitalen 21. Jahrhundert angesichts von Informationsflut und Sucht nach Selbstinszenierung die Auflösung in Banalität. In diesem Sinne mögen Gerhard Falkners Ignatien dem erschöpften Smartphone-User, der möglicherweise am Nervenzusammenbruch vorbeischrammt, als Therapeutikum dienen. Seine Elegien sind fraglos »am Nerv der Zeit«, doch nun kommt eine unerwartete Ingredienz hinzu: Er schafft in seinem Werk, frei von Nostalgie, Raum für den »Club der toten Dichter«.

Anklänge an große Gedichte mit ihren herrlichen Anfängen gibt es einige, zum Beispiel eine Reverenz an Novalis: »Wenn nicht mehr Dark Pools, Dark Screens, Dark Rooms / uns betören...« oder an Paul Celans Psalm, wenn es bei Falkner heißt: »Wir aber werden nicht. Keine Silbe wird uns. Kein Name.« So reizvoll es ist, diese lyrischen Zwillinge zusammenzuführen, sind die »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« weit mehr als ein Rätselraten für Bildungsbürger. Worauf es ankommt, ist das Aufzeigen der Erschütterung, die immer schon Antrieb für große Dichtung war und auch Gerhard Falkner bewogen haben mag, ihrem Chor eine weitere Strophe hinzuzufügen: »doch wie auf Schlitten gezogen / durch ewiges Eis / dieses langsame Wachsen der Stammbäume / an deren letzten Verästelungen / die eigenen Zeiträume sprießen«.

Dieser wirklich außergewöhnliche Lyrikband ist sicher nicht ganz leicht zu vermitteln, aber als Geheimtipp für Lyrikfans wärmstens zu empfehlen.

Ingrid Kainzner

»Sucht den Kopf des Lesers und berührt doch oft seine Seele.«
Nürnberger Zeitung

11. Juli 2015

Neues von Gerhard Falkner: Moderne Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs

Unter dem Titel »Zwischentöne« werden am Sonntagnachmittag im Deutschlandfunk Gespräche mit Menschen geführt, die etwas zu sagen haben. Kürzlich kam Gerhard Falkner in der Sendung zu Wort. Falkner der Essayist, Übersetzer und Dichter, der in Schwabach geboren wurde und einen Wohnsitz im Oberpfälzer Örtchen Weigendorf hat.

Ins Mikrofon sagte er, warum er Probleme mit der urbanen Kultur in Franken hat, die ihn doch mit zahlreichen Preisen ehrte (darunter dem Kulturpreis der Stadt Nürnberg). Er bevorzuge ganz Land oder ganz Stadt. Die fränkischen Städte lägen irgendwo dazwischen. Deswegen fühle er sich wohl in Istanbul, Los Angeles oder eben Berlin, wo er hauptsächlich lebt. Er deutete allerdings auf einen Roman in der Schublade hin, der auch von seinem literarischen Start in der Heimat handeln soll.

Trotzdem ist Falkners jüngste Publikation wieder in Nürnberg erschienen, beim Institut für moderne Kunst unter dem Logo »starfruit«. Das Buch ist charakteristisch für den Dichter. In hoher Komplexität sucht es den Kopf des Lesers und berührt doch oft seine Seele. Zur Komplexität gehört schon der rätselhafte Titel: »Ignatien«. Er greift zurück auf die Ignatzbohne und auf deren Heilwirkungen gegen bestimmte, eher nervöse Krankheitserscheinungen (»Wüstheit im Kopfe, früh nach dem Aufstehen«), die ihr der Arzt und Begründer der Homöopathie Christian Friedrich Samuel Hahnemann zugeschrieben hat. Der Untertitel macht die Dinge klarer: »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs«.

Wer heute Elegien veröffentlicht, kommt an Rainer Maria Rilke nicht vorbei. Auch Falkner bezieht sich selbstverständlich auf dessen »Duineser Elegien«. Rilke beginnt so: »Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?« Falkner steigt mit Variation ein in »Ignatia 1«: Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn / aus der Enge der Ordnungen / dem Ingrimm der Zeichen / in entsprechender Zeit?« Aus den Engeln ist die Enge geworden. Der Dichter kann nur noch sich selbst vernehmen. Er ringt mit den Zeichen, die sein Arbeitsmaterial, die Sprache, setzt.

Um Sprache geht es Gerhard Falkner hauptsächlich in »Ignatien«. Um die Angst vor deren Versagen im Internetzeitalter und damit um das Scheitern seines Gewerbes, der Dichtung. »Ignatia 3« beginnt: »Es spricht die Sprache sich selbst wie kein Zweiter!« Im Verlauf dieser Elegie führt Falkner sie dann beinahe mit syntaktischem Drehwurm ad absurdum. Dann rettet er sich doch zu den Engeln: »Engel sind heikel« heißt es in »Ignatia 9«, und später: »Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen / vor den Portalen von Facebook«.

Denn das, was Rilke einst entworfen hat: eine Sinngebung in etwas Größerem, womöglich Göttlichem, ist für Falkner verlorengegangen. Auch wenn wir es uns immer noch wünschen, bleibt es lediglich Vergleich, also Sprache: »Lieber von Göttern zerstört / als vom Wirrwarr zerbrochen / sind wir doch weiter nichts als das / winzige Drama im beweglichen Meer / von Metaphern.«

Immerhin das Drama will sich Gerhard Falkner nicht nehmen lassen. Sonst müsste er womöglich ganz aufhören zu schreiben, und es reichte nicht einmal zu Klagegesängen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die sind in »Ignatien« übrigens auch noch in der englischen Übersetzung der Dichterin Ann Cotten zu lesen. Und sie sind illustriert von dem Schweizer Künstler Yves Netzhammer, der Bilder verlorener, gesichtsloser Figuren mit dem Computer gestaltet. »Gewaltig endet so das / Auslaufmodell Mensch.«

Herbert Heinzelmann

»Sehr zu empfehlen.«
literaturkritik.de | Nr. 7

Juli 2015

Vom Sammeln homöopathischer Bohnen: Gerhard Falkners Lyrik-Band »Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs«

»Nicht bei Personen oder Krankheiten, bei denen Zorn, Eifer, Heftigkeit herrscht, sondern wo eine schnelle Abwechslung von Lustigkeit und Weinerlichkeit statt finden, kann Ignazsamen passen«.
Die Ignazbohne ist das homöopathische Mittel gegen Melancholie und andere psychische Beschwerden und vielleicht gerade deshalb Titel und Strukturprinzip von Gerhard Falkners neuem Lyrik-Band – womöglich gar eine neue lyrische Gattung, versucht Falkner doch (so in einem Interview mit Michael Braun) die kleine braune Bohne »zu einer eigenen poetischen Form werden zu lassen«. Der Versuch, sich mit diesem medizinhistorischen Wissen wie mit einem »Generalschlüssel« dem kleinen, jedoch dichten und schillernden künstlerisch-literarischen Werk zu nähern, scheitert an dessen Facettenreichtum. Auf knapp 130 Seiten werden neben den Gedichten Falkners auch die jeweiligen Übersetzungen von Ann Cotten sowie farbige Film-Stills des Video- und Computerkünstlers Yves Netzhammer und ein Abschnitt über die Ignazbohne und ihre Wirkung in der Homöopathie versammelt. Allerdings ist auch damit noch nichts gesagt über all das, was gleichsam eine Ebene darunter verhandelt wird – und über den Horizont an Verweisen, den das Buch aufspannt.
Falkner beherrscht das Spiel mit den Traditionen und jongliert gekonnt mit Anspielungen und intertextuellen Verweisen. So schickt er beispielsweise die »lallende Freya« und die »torkelnde Fulla« nach »Knallhalla« (in »Ignatia 10«) und macht aus Wagners »Ring des Nibelungen« ein Saufgelage. Die Birnen von Fontanes »Herr von Ribbeck auf Ribbeck« werden den »Befürworter[n] Gottes« in  die Hände gelegt, wie dereinst der »Lütten Dirn« im Havelland. Auch auf sein eigenes Oeuvre verweist Falkner, etwa in »Ignatia 5«: »Alles besitzt uneingeschränkte Relevanz / selbst Antiödipus, Hamletmaschine und Hölderlin Reparatur machen keine Ausnahme.« So lakonisch er auch mit seinem eigenen Text umgeht – ebenso wie mit Deleuze/Guattari und Heiner Müller –, Falkner bleibt stets spielerisch. Die verschiedenen Textschnipsel werden den Leser/innen vorgelegt und wollen nun entschlüsselt werden, denn wenn man sich diesem Dechiffrierungsangebot verweigert, läuft man womöglich Gefahr, sich unterschiedliche Bedeutungsdimensionen entgehen zu lassen. Natürlich drängt sich die Frage auf, ob dieses Spiel nicht ein recht eitles (und letztlich müßiges) ist, wenn man versucht, die jeweilige Anspielungsnuss unter Aufbietung der eigenen bildungsbürgerlichen Wissensbestände zu knacken.
Auch die Gestaltung gibt dem/der Leser/in diverse »Arbeitsaufträge«. Schon das traditionsgeladene Label »Elegie« fordert heraus. Zwar müssen hier keine Distichen gezählt werden, doch der Gattungsbestimmung gemäß steht die Klage hier im Vordergrund. »Lieber von Göttern zerstört / als vom Wirrwarr zerbrochen / sind wir doch weiter nichts als das / winzige Drama im Heer / von Metaphern« liest sich ähnlich resignativ wie Hölderlins Wort vom »Dichter in dürftiger Zeit«. Und wieder klopft die Tradition an.
Ungeachtet all dieser Rückblicke und Traditionsverweise kommen die »Ignatien« ungeheuer modern daher. Dies liegt vor allem an den Film-Stills von Yves Netzhammer, die wie verstreute Bohnen hier und da Falkners Gedichte illustrieren. Der 1970 geborene Schweizer Computerkünstler, der vor allem mit Videoinstallationen und Objekten von sich reden macht, gab diesem Gedichtband eine Reihe von digital produzierten, surrealen und teilweise grotesken Bildern bei. Gesichtslose menschenähnliche Gestalten, teuflisch wirkende Geräte, Automaten und Apparaturen und immer wieder Pflanzen und Tiere, nicht selten miteinander verquickt und ineinander verwachsen: Die stets wie unter einem Grauschleier erscheinenden Illustrationen Netzhammers muten an wie fotografische Antworten auf »Sound«, Personal und Motivik von Falkners Gedichten. Der Dialog zwischen Text und Bild ist jedoch nicht die einzige Dimension der mannigfaltigen Auseinandersetzung mit Sprache und ihres Transfers in andere Medien, Formen und Register, welche die »Ignatien« bieten. So liefern die Übersetzungen der in Iowa gebürtigen Lyrikerin Ann Cotten eine weitere Stimme in diesem selbstreflexiven Klagegesang auf unsere Gegenwart. »Translated and, but rarely, transmuted« wurden die Falknerschen Elegien von Cotten. Eine besonders reizvolle »Transmutation« des Ursprungstextes findet sich beispielsweise in »Ignatia 9«, wenn aus dem deutschen »Engel sind heikel«, »The English are delicate subjects« wird. Hier handelt es sich nicht um einen Übersetzungsfehler oder um eine Spitze der gebürtigen US-Amerikanerin gegen britische Sprachverwandte, sondern um eine Adaption eines für Falkner charakteristischen Verfahrens auf den Prozess der Übersetzung. In seinen Gedichten finden sich viele dieser Metaplasmen – Wortspiele, die durch das Austauschen einzelner Laute entstehen – als Mittel der sprachlichen »Verwandlung«; die Ignatien bilden hier keine Ausnahme. »URPOKAL KLIO METERTHAL« heißt es hier, oder »Amok und Psyche«, Und natürlich wird diese Transformation selbst wiederum Teil der Reflexion: »So viel Leben, allein durch Lautverschiebung.«
Klage, Pflanzen, Tiere und Sprache – alles ist in den Ignatien in einer Art Zwischenwelt von analogen Traditionsbeständen, digitaler Gestaltung und Vernetzung angesiedelt. Wie passt sich nun die homöopathische Ignazbohne, der vom Gedichtband knapp 20 farblich und typographisch abgesetzte Seiten gewidmet werden, in diese Sammlung ein? »Ignatia amara«, so ihr lateinischer Name, scheint eng mit der Elegie verbunden. Sie ist gewissermaßen das Gegengift der Melancholie, soll »Wüstheit im Kopfe«, »Aengstlichkeit aus dem Unterleibe« und »Träume voll Traurigkeit« bekämpfen. Daneben wird ihr eine positive Wirkung insbesondere auf die männliche Sexualität zugesprochen. Die Aufzählung der verschiedenen Leiden, die sich durch Gabe der Ignazbohne behandeln lassen, erinnert entfernt an Dr. Erich Kästners lyrische Hausapotheke. Im Sinne eines Gebrauchsverständnisses von Lyrik lassen sich Falkners Ignatien ähnlich lesen wie Kästners lyrische Mittel zur Heilung von Verstimmungen aller Art. Die im hinteren Teil aufgeführten Leiden, die mit Hilfe der Ignatia amara kuriert werden können, ähneln jener Liste von Gefühlslagen, die Kästner seiner Sammlung wie einen Beipackzettel voran stellt: »Wüstheit im Kopfe, früh nach dem Aufstehen« (Ignatien) – »wenn man vom Schlaf Trost erwartet« (Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke); »Furchtsamkeit, Zaghaftigkeit, traut sich nichts zu, hält alles für verloren« (Ignatien) – »wenn das Selbstvertrauen wackelt« (Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke); »Nachts Träume voll gelehrter Kopfanstrengungen und wissenschaftlicher Abhandlungen« (Ignatien) – »wenn sich Probleme melden« (Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke).
Dabei wird die Melancholie jedoch nicht als Übel gekennzeichnet, das es zu bekämpfen gilt. Im Gegenteil: Im »manische[n] Sprechen« der Ignatien soll, wie Falkner selbst bei einer Lesung bemerkte, eine Ehrenrettung der »Melancholie« vorgenommen werden. »Also dieses manische Sprechen, was ich versucht habe, als Treibstoff für die Gedichte zu verwenden«, so Falkner im Gespräch mit Michael Braun, »das gehört ja als Gegenpol zur Melancholie und zur Depression, zum Erscheinungsbild der bipolaren Erkrankung, der manisch-depressiven Erkrankung.«
Die einzelnen »Ignatien« erzeugen, wie Netzhammers Bilder und Cottens Übertragungen, durch beharrliche Selbstreflexion und Paradoxien einen Zweifel an der Möglichkeit, wirklich etwas zu wissen – und mit diesem Zweifel ein gewisses Gefühl der Melancholie. Diese wird jedoch nie pathologisiert, sondern als Reaktion auf die gezeichneten (Sprach-)Bilder vielmehr plausibilisiert.
Es sind sowohl Bilder als auch Gedichte des Scheiterns bei der Suche nach einem archimedischen Punkt für die eigenen Wissensansprüche, den die Sprache nicht bieten kann (das Bild, wie es Netzhammer generiert, jedoch ebenso wenig). Insofern singen die Ignatien ein altes Lied der Klage über den Menschen in der Moderne: Überflutet mit Informationen, Deutungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen steht er im Zustand der Unsicherheit einer Welt gegenüber, die sich seinem Verständnis entzieht. Dabei stimmen sowohl Texte als auch Bilder nicht ein in jenen Abgesang auf das Subjekt, das all seine Stabilität verloren hat, sondern reproduzieren und kommentieren diese Effekte durch die zahlreichen intertextuellen Verweise und die verschiedenen miteinander verbundenen künstlerischen Ausdrucksmodi. Das Sammeln und Auflesen verschiedener Gegenstände aus der kulturgeschichtlichen Tradition bis hin zu brandaktuellen Medienerscheinungen sowie ein gewisses Maß an Verrätselung werden hier zum Prinzip des künstlerischen Schaffens. Als Projekt ist Ignatien ebenso vielschichtig wie anregend und bereitet nicht zuletzt durch das Sammeln und Vernetzen so vielfältiger Ebenen, Motive und Diskurse ungeheuren Spaß beim Lesen. Allerdings scheint bei allem Innovationsdrang die Sprache Falkners zuweilen überraschend bieder, etwa in insistierenden Passagen wie »Willst du // spricht die Sprache // zu der Sprache der Sprache als Mann // die Sprache der Sprache als Frau // zur Frau nehmen // Ich will, antwortet die Sprache der Sprache als Mann« –, insbesondere wenn anschließend die Gegenfrage zum Eheversprechen ebenfalls gestellt wird. Auch ein Gedichteinstieg wie »Derrida! die Blumen sind da!« wirkt eher wie ein matter Kalauer denn wie eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem französischen Philosophen. Und nicht zuletzt ist die Ästhetik von Netzhammers Bildern recht gewöhnungsbedürftig und sicher nicht »jedermanns Sache«. Trotz (oder wegen) ihrer sowohl illustrativen wie auch kommentierenden Wirkung stören sie mitunter die Rezeption der Gedichte, da sie sich stark aufdrängen und in ihrer plakativen Optik mit Falkners punktuell ebenfalls etwas plakativen Formulierungen zu konkurrieren scheinen. Die Übersetzungen von Ann Cotten bleiben überraschend nah an den Ursprungstexten; nur selten spielen sie ähnlich kühn mit den Möglichkeiten der Übertragung wie im oben zitierten Fall, wodurch vor allem der semantische Gehalt sowohl der deutschen als auch der englischen Texte in den Vordergrund rückt.
Ignatien verschüttet ein ganzes Glas voll poetischer Bohnen, die vom Rezipienten aufgelesen werden können, dabei sind einige intelligent und witzig, andere leider etwas flach oder gar zu ambitioniert, sodass man manchmal das Gefühl hat, vor lauter Sammeln und Kombinieren bräche das Projekt selbst auseinander. Dennoch sind die Ignatien sowohl zur homöopathischen Medikation als auch zum (Lese-)Genuss sehr zu empfehlen.

Lisa Eggert

»Erprobung poetischer Gegenwelten.«
SWR2 Literatur

23. Juni 2015

Dichtung und Malerei

(...)

Sprecher 1
Die ästhetische Herausforderung, die in Rilkes Appell im Blick auf einen antiken Torso steckt, hat der Dichter Gerhard Falkner angenommen. Sein Gedichtband Ignatien radikalisiert die Frage nach der Möglichkeit von Kunst und Poesie, indem er die Bilder und Zeichen unserer digitalen Gegenwart mit einer Gedichtsprache konfrontiert, die selbst von den kalten Terminologien des Internet-Zeitalters zehrt. Am Ausgangspunkt seiner insgesamt zwanzig Ignatien, die sich als »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« verstehen, steht eine Beschäftigung mit Rilke und seinen Duineser Elegien. Und bereits hier findet eine entscheidende Verschiebung statt. Denn Rilkes Elegien beginnen so:

Sprecher 3
WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang....

Sprecher 2
In den Ignatien konzentriert sich der Dichter nun eher auf sehr »heikle Engel« und den Wildwuchs bzw. »Ingrimm« der Sprachzeichen:

Sprecher 3
Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn
aus der Enge der Ordnungen
dem Ingrimm der Zeichen
in entsprechender Zeit?

Sprecher 2
Falkners Ignatien zelebrieren nun in der Konfrontation der alten Basiswörter traditioneller Dichtkunst mit den Zeichensystemen des Online-Daseins eine ins Wanken geratene Welt des Subjekts, das den Grund seiner eigenen Existenz verloren hat. »Unsere Herzen schlagen für die Hologramme«, heißt es in diesen Versen, die in ihrer Verklammerung des Liedhaften mit den Sondersprachen der
Technik besondere Oszillationen erzeugen. »Ein jeder Engel ist schrecklich.« Diese Erkenntnis aus den Duineser Elegien Rilkes hat Falkner zu einem großen Misstrauensvotum gegenüber den Konfigurationen des Erhabenen ausgebaut. Diese Gedichte lesen sich wie Abgesänge auf eine digital ausgehöhlte Spezies, die sich einmal als »Krone der Schöpfung« begriffen hat. Auf welche Weise das Schöne des Schrecklichen Anfang ist, zeigt Gerhard Falkner in der Ignatia 9:

O-Ton Gerhard Falkner:

Ignatia 9

Engel sind heikel.
Schwarzfahrer sind sie der himmlischen Umzüge, der
kleinen Kabinen
verwirbelter Luft, die segeln im Aufwind der Sprache.
Engel aus Aramith. Segelnde rote Kugeln.
Ihre feuerfesten Flügel sind, wenn sie rauschen,
geflüsterter Jubel.
Engel sind reine Innerheit. Entsetzlich zart.
Entsetzlich.
Zart wie die Gelüste einer Frau, zusammengehalten von
einer Heftklammer.
Wie ein junger Mann, gestaltet wie ein Seufzer,
der einen Strand entlangweht, dessen Weite ihn auslöscht.
Wie der Fühler des Zitronenfalters (vor der geöffneten
Klappe der Mikrowelle).
Die Namen der Engel sind Farben
Farben aus den Fabriken einstigen glühenden Glaubens
Komponentensignale!
Flügel und Bewegung des Flügels werden getrennt
übertragen.
Eine Billiarde Bilder täglich.
Welche Farbe hat welche Farbe hat welche Farbe?
Rot oder Rot? Mark Zuckerberg entscheidet!
Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen
vor den Portalen von Facebook.
Ihre Hunde erschallen.
Ist hier das Jetzt jetzt denn endlich einen Moment lang
ewig?

Sprecher 1
Falkners Gedichte sind dicht an den neuen medialen Kommunikations- Beschleunigungen entlang geschrieben und registrieren die bedrohlich anschwellende Bilder-Flut: »Eine Billiarde Bilder täglich.« So kommt es zum Zusammenprall der alten Gedichtsprache des Erhabenen, in denen Engel noch eine Ordnung repräsentierten, mit den »heiklen Engeln« der neuen Einsatzsprachen.

O-Ton Gerhard Falkner:
»Ja, mich hat immer das Verhältnis zwischen poetischer Sprache und instrumentalisierter Sprache, den Formen der Kommunikation, interessiert, die wir heute pflegen. Und die Kluft zwischen beiden Möglichkeiten wird ja immer größer. Ich denke tatsächlich, dass die Kommunikation über die sozialen Medien und über die neuen technischen Möglichkeiten Massenbetäubungsmittel darstellen, deren
Auswirkung überhaupt noch nicht suffizient untersucht worden ist. Oder überhaupt nicht im Bewusstsein der User, der kommunizierenden Massen ist. Und man kann es, glaube ich, ganz gut verstehen, wenn man andere Formen des Sprechens gegenüber diesen, wie ich es in einem anderen Essay genannt habe, ›superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen‹ ausprobiert. Und das manische Sprechen ist zum Beispiel diesen superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen extrem entgegengestellt. Es geht ja eigentlich von einer überhöhten Reizbarkeit den Lebensbedingungen gegenüber aus und es ist auch tatsächlich ein hymnisches Sprechen. Es ist ein Sprechen, das die Leute schreckt und verängstigt. Und es bietet dadurch einen Kontrast zu diesen inzwischen verabreichten Sprachen, mit denen wir kontrolliert werden. Wir kontrollieren diese Sprachen ja nicht mehr, sondern werden durch diese Sprachen kontrolliert.«

Sprecher 2
Wie kann hier die Kunst noch weiterhelfen? Kann die Begegnung mit Kunst wie bei Klaus Merz eine Art »metaphysische Geborgenheit« herstellen? Mit Falkners Ignatien korrespondieren im Buch einige Videostills des Künstlers Yves Netzhammer, die in kalter Künstlichkeit das Subjekt nur als puppenhafte Marionette zeigen. Selbst Szenen der Intimität werden hier auf vorprogrammierte Abläufe reduziert. Im »hellen Schwarm der Elementarteilchen«, so suggerieren Falkners Gedichte, drohe der Mensch zu verschwinden. Geborgenheit ist hier nicht mehr erreichbar, was bleibt, ist eine existenzielle Ausgesetztheit. Falkner selbst verweist in seinem Buch auf Erkenntnisse des Schweizer Gelehrten Samuel Hahnemann, des Begründers der Homöopathie, der auch Beschreibungen des manischen Sprechens geliefert hat.

O-Ton Gerhard Falkner:
»Das Phänomen der Intimität, konfrontiert mit einem Phänomen der Künstlichkeit, geht ja eigentlich normalerweise gar nicht zusammen. Intimität ist ganz stark an die menschliche Empfindung gebunden und ein Begriff, der auf den Menschen eigentlich geprägt ist. Und diese Diskrepanz zwischen Kunst und Künstlichkeit, oder auch Natur und Künstlichkeit, die ist bei Netzhammer ebenfalls in einer nahezu bipolaren Weise vorhanden. Das macht die Sache sehr spannend und ich muss natürlich ganz kurz rekurrieren auf das Phänomen der Manie und des manischen Sprechens. Da kommt nämlich Hahnemann ins Spiel. Hahnemann – von ihm stammt ja der berühmte Satz
›similia similibus curantur‹, also Gleiches muss man mit Gleichem behandeln. Das trifft auch für das Buch zu. Gleichen Texten muss man eine gleiche Art des bildnerischen Denkens gegenüberstellen. Und noch wichtiger ist die Idee der homöopathischen Dosis. Wir können nämlich im Dichterischen keine manischen Menschen sein. Das Manische ist etwas, das den Körper extrem erschöpft und das Gehirn beansprucht. Und diese Möglichkeiten müssen wir für die Poesie einerseits nutzen. Aber wir müssen auch wissen, wie wir die Manie dosieren, um die verschiedenen klaren Reflexionsmöglichkeiten, die Dichtung unbedingt braucht, beibehalten zu können.

Sprecher 1
Für Gerhard Falkner geht es also nicht um eine »metaphysische Geborgenheit« in der Kunst, sondern um die Erprobung poetischer Gegenwelten gegen die Dominanz der kalten Digitalität.

(...)

Michael Braun

»Eine prägnante poetische Signatur für die Dissoziationen des lyrischen Ichs im 21. Jahrhundert.«
Badische Zeitung, Freiburg

12. Mai 2015

Gepiercte Engel

Gerhard Falkners »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« betrauern das »Auslaufmodell Mensch« in digitalen Zeiten.

Mit einem fulminanten »Bekennerschreiben« hat der Dichter Gerhard Falkner kürzlich das Gespräch über Dichtung auf neue Erkenntnisfundamente gestellt. Sein stilistisch funkelndes Pamphlet beginnt mit einer Attacke auf die Naturdichter im digitalen Zeitalter, die »nicht mehr zwischen einer Hecke und einem Drahtzaun unterscheiden«. Das moderne Dichtersubjekt, so Falkner, existiere nur mehr im Standby-Modus und starre in jeder freien Minute unentwegt auf ein Handy oder ein anderes Display. Und so entstehe nicht nur eine Situation eklatanter Naturblindheit – auch der innere Monolog, die innere Kraftquelle jeder Poesie, werde durch die pausenlose »Ich-Entleerung« stillgelegt.

Eine kühne poetische Antwort auf diesen Zustand faktischer Poesielähmung formuliert nun Falkners Gedichtband bemerkenswerter Gedichtband »Ignatien«. »Ein jeder Engel ist schrecklich.« Diese Erkenntnis aus den Duineser Elegien Rainer Maria Rilkes hat Falkner zu einem großen Misstrauensvotum gegenüber den Konfigurationen des Erhabenen ausgebaut. »Engel sind heikel«: So beginnt er eine seiner insgesamt zwanzig »Ignatien«, die sich als »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« verstehen. In diesen Gedichten hat Falkner eine prägnante poetische Signatur für die Dissoziationen des lyrischen Ichs im 21. Jahrhundert erschaffen. Sie lesen sich wie Abgesänge auf eine digital ausgehöhlte Spezies, die sich einmal als »Krone der Schöpfung« begriffen hat: »Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen / vor den Portalen von Facebook.«
 
In einem bemerkenswerten Anhang zu diesem Gedichtband werden die Reflexionen Samuel Hahnemanns, des Begründers der Homöopathie, als Quellen einer poetischen Körper-Philosophie freigelegt. Hahnemanns Analyse der »Ignazbohne« als Remedium gegen nervliche Zerreißproben liefert denn auch das Stichwort für die Ausrufung der »Ignatie« als neuer poetischer Gattung. Falkners Gedichte zelebrieren in der Konfrontation der alten Basiswörter traditioneller Dichtkunst mit den Zeichensystemen des Online-Daseins eine ins Wanken geratene Welt des Subjekts, das den Grund seiner eigenen Existenz verloren hat. »Unsere Herzen schlagen für die Hologramme«, heißt es in diesen sentenzhaft geschliffenen Versen, die in ihrer Verklammerung des Liedhaften mit den Sondersprachen der Technik besondere Oszillationen erzeugen.

Mit den Gedichten korrespondieren die Bilder und Filmstills des Künstlers Yves Netzhammer, die in ihrer kalten Artifizialität das Subjekt als puppenhafte Marionette zeigen. Selbst Szenen der Intimität werden auf programmierte Abläufe reduziert. Im »hellen Schwarm der Elementarteilchen«, so suggerieren Falkners Gedichte, drohe der Mensch zu verschwinden. Auf die digitale Überhitzung der Welt reagiert der Dichter mit den ironisch ausgenüchterten Gegengesängen seiner »Ignatien«: »Gewaltig endet so das / Auslaufmodell Mensch.«

Michael Braun

»Fulminante Essenz.«
fixpoetry.com, Hamburg

16. Februar 2015

Höhlenbemaler und stumme Worte

Ein Markenzeichen der Lyrik Gerhard Falkners ist ihre mal direkte, mal hintergründige, stets aber nachvollziehbare Gesellschafts- und Kulturkritik. Diese findet nun ihre fulminante Essenz in seinem jüngsten Gedichtband Ignatien. »Die Welt ist online und die Ottern lachen« – so heißt es in einem seiner zwanzig Gedichte, die er als Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs verstanden wissen will.  In der genannten Zeile aus Ignatia 5 ist gleichsam das Ziel des ganzen Bandes impliziert, nämlich den in fast jedem Lebensbereich durchdigitalisierten Menschen bloßzustellen, der sich der Natur, dem Leben und damit sich selbst entfremdet hat. Den Begriff Ignatien für seine Gedichte leitet Falkner ab von Samuel Hahnemanns Betrachtungen zur Ignazbohne, abgedruckt im Anhang des Buches. Der Begründer der Homöopathie empfiehlt die Gabe des Samens von Ignatia amara insbesondere bei Personen, die ihren Ärger in sich hineinfressen und dadurch depressiv zu werden drohen. Die Ignatia also als heilendes Ventil für den Autor, um nicht am Ärger über die reflektierten Gegenstände zu ersticken – klarer kann man als Lyriker die Lebensnotwendigkeit des eigenen Tuns dem Leser wohl kaum nahebringen.

Dieses Tun ist bei Falkner insbesondere ein tiefgründiger Umgang mit der Sprache, dazu gehört auch die Reflexion über ihren Stellenwert in der gegenwärtigen Kultur, wobei sich der Autor nicht scheut, das etwas altmodische Mittel der Personifikation zu gebrauchen (»Es spricht die Sprache sich selbst wie kein Zweiter«, »Damit hat die Sprache Sprache und Sprache getraut«). Das Thema Sprache zieht sich wie ein Leitfaden durch die verschiedensten unter die Lupe genommenen modernen Lebensbereiche. Das Hauptstilmittel der Texte selbst ist phonetischer Art, allenthalben fallen alliterierende Rhythmen auf mit einem gekonnten Wechsel zwischen langen und kurzen Vokalen. Dabei vereint der Autor klangliche Zusammengehörigkeit einerseits und Semantik andererseits aufs Harmonischste.

»Den Träumen sind wir entschlafen / den Bild-, Bankett- und Blütenträumen / die vom Honig glühen. / Unsere Herzen schlagen für die Hologramme / Herodes / der Spötter, Tetrarch und Ehebrecher / erobert die Charts« (Ignatia 5)

Der Seitenumbruch des Buches unterstützt mancherorts den Eindruck, dass viele Strophen semantisch derart dicht und in sich abgeschlossen sind, dass sie fast als Einzelgedichte gelesen werden können.

In einer seiner Ignatien wird der Ur-Prozess des Aneignens von (dichterischer) Sprache thematisiert. Jeder, der sich lyrisch schreibend äußert, hat es sicher schon erlebt, das Kribbeln in den Fingerspitzen, wenn man Gedanken oder das gerade sinnlich Erfahrene in Schriftform fassen will. Den Bogen vom urmenschlichen Bedürfnis nach Mitteilung bis zur heutigen Schriftstellerei spannend, beschreibt Falkner es eingängig mit dem Gleichnis des Frühmenschen, der sich in kodierenden Bildzeichen übt: »ein Rudel Hirsche, Gazellen oder Springböcke / das hinaustobt bis in die Fingerspitzen / der Höhlenbemaler / Stiere und Zeichen, datiert von den Zerfallsgeschwindigkeiten / der Holzkohle« (Ignatia 2). Doch unsere Schriftkunst, bisheriger Gipfel der zeichenhaften Artikulation, ist nicht von Dauer, ja sie degeneriert, wird obsolet: »das Zeichen verfehlt das Bezeichnete / hinter den stummen Worten / leuchten die stillen Weiten« und sie endet vielleicht als »eine verstaubte Zirkusnummer« (ebd.). Das gilt insbesondere für die Poesie, die heutzutage kaum eine Chance bekommt, überhaupt noch gehört/gelesen zu werden. Der Autor zeigt dies anhand der schönen Metapher der Engel auf, die angesichts des Wortballasts unserer Online-Kultur nicht mehr fähig sind, aufzusteigen.

»Engel sind heikel. / Schwarzfahrer sind sie der himmlischen Umzüge … Engel sind reine Innertheit. Entsetzlich zart. / Entsetzlich. / Zart wie die Gelüste einer Frau, zusammengehalten von einer Heftklammer … Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen / vor den Portalen von Facebook.« (Ignatia 9)

So wie dieses durchweht viele Gedichte ein recht starker pessimistischer Zug, der wohl auch dem Wunsch geschuldet ist, den Leser zum Nachdenken anzuregen, zum Beispiel in der Frage, ob räumliche Distanzen in globaler Dimension mittels des »Zyklopenauges der Webcams« wirklich aufgehoben werden müssen. Webcams und Google Earth bringen uns zwar die Orte und Dinge näher, offenbar aber nicht den Menschen, was uns immer mehr in die eigene Isolation treibt.

»So klein inzwischen der Abstand zwischen Nepal und Neapel. / Legasthenisch winzig. Wie / die Lücke zwischen dem Jetzt und der Bahnsteigkante. / Erklärte Nacht. Gewaltig endet so das / Auslaufmodell Mensch.« (Ignatia 4)

In letzter Konsequenz schafft der Mensch sich und seine Kultur also selber ab – eine These, die bereits der große Technik- und Medienkritiker Günther Anders in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen I (1956) angerissen hatte und die heute in den Diskussionen um die Künstliche Intelligenz in Philosophie und Naturwissenschaften nicht mehr wegzureden ist. Demnach möchte man dem Dichter Gerhard Falkner fast schon seherische Fähigkeiten bescheinigen. Er stände damit in einer bemerkenswerten Tradition etwa mit Franz Kafka, der unter anderem der seinerzeit modernen Telekommunikationstechnik ebenfalls sehr skeptisch gegenüberstand und ihr die Funktion absprach, zwei Menschen einander näherbringen zu können.

Nach den vielen hier aufgeführten kritischen Betrachtungen soll nicht unerwähnt bleiben, dass Falkner dennoch zwei Phänomene sieht, die der genannten sozio-kulturellen Abwärtsspirale Einhalt gebieten könnten: die Liebe und eben die Sprache.

»Dann aber plötzlich ein Du, eine Referenz, ein Objekt / eine Geliebte. / Gott, diese glitzernden prähistorischen Ebenen / auf deren schriftlosen Weiten die Hufe der Büffel / klappern wie bewegliche Lettern … Aber reden allein hilft nichts. / Ich brauche dein Wort als Beute, als Büffelgras / als Trommelschlegel. / Ich brauche, um bei dir zu schlafen, deine Beine als Text.« (Ignatia 19)
Kongenial illustriert wird dieser faszinierende, da hochaktuelle existentielle Themen beleuchtende Gedichtband von Yves Netzhammer, einem Schweizer Künstler, dessen Bilder den Menschen als gesichtslose Marionette in eine kalte, ja entmenschlichte hyperreale Welt setzen.

Gabriele Frings

»Aggressive Wut gegen alles Sprach- und Gesellschaftszerstörerische.«
taz, Berlin

13. Februar 2015

Welches Tier soll ich denn anschreien?

Gut bei Wüstheit im Kopfe sowie bei zarter Gewissenhaftigkeit: Gerhard Falkner besingt das Schillern der Aminosäuren.

Wer auf Weltkarten nach einem Land Ignatien sucht, wird nicht fündig werden. Das Ignatien des Lyrikers Gerhard Falkner ist ein poetisches Kunstprodukt und vielleicht die Erfindung einer neuen Lyrik-Gattung. »Ignatie« bezieht sich auf Ignatia amara, auch Ignazbohne oder Brechnuss genannt, eine Pflanze, die Strychnin enthält und deshalb in höherer Konzentration tödlich sein kann. In homöopathischen Dosen aber entfaltet sie einen wundersamen Wirkungsreichtum.

Im Anhang des Bandes ist eine Schrift des Begründers der Homöopathie, Christian Friedrich Samuel Hahnemann abgedruckt. Demnach ist die Ignazbohne bei »Wüstheit im Kopfe«, »Jücken am After und im Mittelfleische« und bei Impotenz ebenso angeraten wie bei »Steifigkeit der männlichen Ruthe beim zu Stuhle gehen«, bei heftigem Aufstoßen und »Aufschwulken bitterer Feuchtigkeit«, vor allem aber bei Gemütseintrübungen und Nervenerregungen aller Art, bei Angstzuständen, Atemnot, traurigen Träumen, Zaghaftigkeit, Griesgrämigkeit und »zarter Gewissenhaftigkeit«.

Falkners »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« zeitigen ähnliche Wirkungen – oder sind aus derartigen Stimmungen heraus entstanden. Sie sind gewissermaßen Naturprodukte, die auf Geist und Sprache zielen und die technische Verfasstheit der Welt in den Blick nehmen. Sie bewegen sich zwischen Amok und Psyche, zwischen David Lynch und Leukozyten, zwischen Engeln und Epidermis. Griechische Mythologie ist ebenso präsent wie Trivialkultur und digitales Rauschen und die Zeichenhaftigkeit der Dinge. Und inmitten des Chaos der Welt versucht das sprechende Ich sich zu orientieren. Damit setzt Falkner ein: »Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn / aus der Enge der Ordnungen / dem Ingrimm der Zeichen / in entsprechender Zeit? / Wer führte mich denn / aus der Unhintergehbarkeit / von Sprache / ins endlich Offene – Welches Tier soll ich denn anschreien?«

Das klingt nicht zufällig nach Rilke und dem Tonfall der Duineser Elegien. Die neunte Ignatie, in der es um Engel geht, ist eine direkte Replik auf Rilke, der ja einen recht intimen Umgang mit Engeln pflegte. Und auch Hölderlin ist in der Bewegung, die ins Offene führt, nicht fern. Nach der »Hölderlin Reparatur«, einem Gedichtband aus dem Jahr 2008, ist Falkner nun bei der Rilke-Reparatur angekommen. Auch Benn und Celan klingen nach.

Alles ist Sprache bei diesem 1951 geborenen Lyriker aus dem Fränkischen, der zuletzt mit einem fulminanten Zyklus über den Pergamon-Fries hervorgetreten ist. Auch Chromosomensätze sind für ihn eine Grammatik, so wie die Buchstaben des Alphabets sich auf die Buchenstäbchen zurückführen lassen, die den Frühmenschen als Zeichen dienten. All das wird bei Falkner zu Gedichten, in denen die Sprache sich selbst zu fassen sucht und auch so unfassbaren Phänomenen wie Seele und Liebe eine Wirklichkeit zugesteht. Das melancholische Motto von Heinrich von Kleist, das dem Band vorangestellt ist, zieht sich als Grundton durch: »Ach, ich trage mein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht.« Aber Falkner beherrscht auch andere Temperaturen: eine hypernervöse, manchmal fast hysterische Aufgeregtheit ebenso wie aggressive Wut gegen alles Sprach- und Gesellschaftszerstörerische, was ja in etwa identisch ist.

Manchmal ist er dabei ein bisschen zu sehr auf Effekte aus und lässt sich dazu verleiten, Ideen zu illustrieren oder in Spielereien abzugleiten, anstatt sich der Führung der Sprache zu überlassen. Dadurch entstehen Brüche, die aber die Kraft des Ganzen nicht mindern, ja, die auch gewollt sind, weil die den hohen Ton des Rilke-Adepten immer wieder herunterholen.

Falkner macht es den Lesern nicht leicht. Die Gedichte sind verrätselt und entziehen sich dem raschen Verständnis. Das ist Absicht: Sie sollen der Konsumierbarkeit Widerstand entgegensetzen und auch über Klang und Rhythmus wirken. Ein Gedicht mit dem Intellekt knacken zu wollen, hat Falkner einmal gesagt, das wäre so, wie wenn man einen Apfel mit den Ohren essen würde. Allerdings – so ist zu ergänzen, essen die Ohren sehr wohl mit, wenn denn der Apfel wirklich knackig ist.

Illustriert ist der Band mit Videostils von Yves Netzhammer: geometrische Muster und roboterhafte Figuren, die in ihrer künstlichen Körperhaftigkeit an Bilder von Oskar Schlemmer erinnern. Dazu gibt es auch noch die englischen Übersetzungen der Elegien von Ann Cotten, die in einem der Verse auch selbst vorkommt: »Der Unterschied zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton«, so heißt es da, »ist, genetisch gesehen, irrelevant.« Denn alles ist ja das »gleiche trügerische Schillern von Aminosäuren.« Das Wunder aber besteht darin, dass aus den Proteinen so etwas wie Sprache entsteht, und aus der Sprache eine ganze Welt. Da kann man schon mal einen Nervenzusammenbruch erleiden.                                                           

Jörg Magenau

»Abgesänge auf eine digital ausgehöhlte Spezies.«
Neue Zürcher Zeitung

7. Februar 2015

Gepiercte Engel

»Ein jeder Engel ist schrecklich.« Diese Erkenntnis aus den »Duineser Elegien« Rainer Maria Rilkes hat der Dichter Gerhard Falkner zu einem großen Misstrauensvotum gegenüber den Konfigurationen des Erhabenen ausgebaut. »Engel sind heikel«: So beginnt Falkner eine seiner insgesamt zwanzig »Ignatien«, die sich als »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« verstehen. In diesen Gedichten hat Falkner eine prägnante poetische Signatur für die Dissoziationen des lyrischen Ichs im 21. Jahrhundert erschaffen. Sie lesen sich wie Abgesänge auf eine digital ausgehöhlte Spezies, die sich einmal als »Krone der Schöpfung« begriffen hat: »Die Engel liegen als Punks mit gepiercten Augen / vor den Portalen von Facebook.«
In einem bemerkenswerten Anhang zu diesem Gedichtband werden die Reflexionen Samuel Hahnemanns, des Begründers der Homöopathie, als Quellen einer poetischen Körper-Philosophie freigelegt. Hahnemanns Analyse der »Ignazbohne« als Remedium gegen nervliche Zerreißproben liefert denn auch das Stichwort für die Ausrufung der »Ignatie« als neue poetische Gattung. Falkners Gedichte zelebrieren in der Konfrontation der alten Basiswörter traditioneller Dichtkunst mit den Zeichensystemen des Online-Daseins eine ins Wanken geratene Welt des Subjekts, das den Grund seiner eigenen Existenz verloren hat. »Unsere Herzen schlagen für die Hologramme«, heißt es in diesen sentenzhaft geschliffenen Versen, die in ihrer Verklammerung des Liedhaften mit den Sondersprachen der Technik besondere Oszillationen erzeugen.
Das »trügerische Schillern« der Internet-Euphorie hat Falkner schon vor einiger Zeit in einem polemischen Essay über die fatale Herrschaft der »superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen« thematisiert. Der Mensch, so argumentierte Falkner in einem Beitrag für die Zeitschrift »Text + Kritik«, existiere nurmehr im Stand-by-Modus. Das Subjekt im dauernden Alarmzustand vollziehe eine pausenlose »Ich-Entleerung« – und der innere Monolog, die Kraftquelle aller Poesie, werde dadurch stillgelegt. Falkners »Ignatien« sind nun die kühne Antwort auf das drohende Versiegen des inneren Monologs. Mit den Gedichten korrespondieren in diesem Buch die Bilder und Filmstills des Künstlers Yves Netzhammer, die in ihrer kalten Artifizialität das Subjekt nur als puppenhafte Marionette zeigen. Selbst Szenen der Intimität werden hier auf vorprogrammierte Abläufe reduziert. Im »hellen Schwarm der Elementarteilchen«, so suggerieren Falkners Gedichte, drohe der Mensch zu verschwinden. Auf die digitale Überhitzung der Welt reagiert der Dichter mit den ironisch ausgenüchterten Gegengesängen seiner »Ignatien«: »Gewaltig endet so das / Auslaufmodell Mensch.«

Michael Braun

»Zwischen Engeln und Epidermis.«
Deutschlandradio Kultur

2. Februar 2015

Zwischen Engeln und Epidermis

Gerhard Falkner ist ein Virtuose der Sprache, was er mit dem Gedichtband »Ignatien - Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« erneut unter Beweis stellt. Griechische Mythologie ist darin ebenso präsent wie Trivialkultur und Videostills des Künstlers Yves Netzhammer.

Wer auf Weltkarten nach einem Land Ignatien sucht, wird nicht fündig werden. Das Ignatien des Lyrikers Gerhard Falkner ist ein poetisches Kunstprodukt. Der Titel bezieht sich auf die Ignatia amora, auch Ignaz-Bohne genannt, eine Pflanze, die Strychnin enthält und deshalb in höherer Konzentration gefährlich ist. In homöopathischen Dosen aber entfaltet sie einen wundersamen Wirkungsreichtum.
Im Anhang des Bandes ist eine Schrift des Begründers der Homöopathie, Christian Friedrich Samuel Hahnemann abgedruckt. Demnach ist die Ignazbohne bei »Wüstheit im Kopfe«, »Jücken am After und im Mittelfleische« und bei Impotenz ebenso angeraten wie bei »Steifigkeit der männlichen Ruthe beim zu Stuhle gehen«, bei heftigem Aufstoßen und »Aufschwulken bitterer Feuchtigkeit«, vor allem aber bei Gemütseintrübungen und Nervenerregungen aller Art, bei Angstzuständen, Atemnot, traurigen Träumen, Zaghaftigkeit, Griesgrämigkeit und »zarter Gewissenhaftigkeit«.
Falkners »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« zeitigen ähnliche Wirkungen. Sie sind gewissermaßen Naturprodukte, die auf Geist und Sprache zielen und die technische Verfasstheit der Welt in den Blick nehmen. Sie bewegen sich zwischen Amok und Psyche, zwischen David Lynch und Leukozyten, zwischen Engeln und Epidermis. Griechische Mythologie ist ebenso präsent wie Trivialkultur und digitales Rauschen und die Zeichenhaftigkeit der Dinge. Und inmitten des Chaos' der Welt versucht das sprechende Ich sich zu orientieren. Damit setzt Falkner ein:
»Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn
aus der Enge der Ordnungen
dem Ingrimm der Zeichen
in entsprechender Zeit?«

Chromosomensätze sind ihm eine Grammatik, so wie die Buchstaben des Alphabets sich auf die Buchenstäbchen zurückführen lassen, die den Frühmenschen als Zeichen dienten. All das wird bei Falkner zu Gedichten, in denen die Sprache sich selbst zu fassen sucht und auch so unfassbaren Phänomenen wie Seele und Liebe eine Wirklichkeit zugesteht. Das melancholische Motto von Heinrich von Kleist, das dem Band vorangestellt ist, zieht sich als Grundton durch:
»Ach, ich trage mein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht.«
Manchmal ist Falkner ein bisschen zu sehr auf Effekte aus und lässt sich dazu verleiten, Ideen zu illustrieren oder in Spielereien abzugleiten, anstatt sich der Führung der Sprache zu überlassen. Dadurch entstehen Brüche, die aber die Kraft des Ganzen nicht mindern. So wie auch die Liebenden bei ihm aufs sprachliche Ganze gehen:
»Lieber von Göttern zerstört
als vom Wirrwarr zerbrochen
sind wir doch weiter nichts als das
winzige Drama im beweglichen Heer
von Metaphern.«

Illustriert ist der Band mit Videostills von Yves Netzhammer: geometrische Muster und roboterhafte Figuren, die in ihrer künstlichen Körperhaftigkeit an Bilder von Oskar Schlemmer erinnern. Dazu gibt es auch noch die englischen Übersetzungen der Elegien von Ann Cotten, die in einem der Verse auch selbst vorkommt: »Der Unterschied zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton«, so heißt es da, »ist, genetisch gesehen, irrelevant.« Denn alles ist ja das »gleiche trügerische Schillern von Aminosäuren.«
Das Wunder aber besteht darin, dass aus den Proteinen so etwas wie Sprache entsteht, und aus der Sprache eine ganze Welt. Da kann man schon mal einen Nervenzusammenbruch erleiden.
 
Jörg Magenau

»Hochästhetisches Gesamtkunstwerk.«
Bayerischer Rundfunk

5. Januar 2015

Gerhard Falkner
Ignatien - Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs


Der Mittelfranke Gerhard Falkner gilt als einer der einflussreichsten und stilprägendsten Lyriker Deutschlands. Mehr als ein Dutzend Gedichtbände hat er inzwischen verfasst. Nun ist sein neuer Gedichtband »Ignatien« erschienen.

Gerhard Falkner liebt die großen Dichter. Er verkehrt mit ihnen auf du und du, denkt sie weiter und schreibt sie fort. Wer den Mut hatte, einen ganzen Gedichtband lang Hölderlin zu reparieren, der macht natürlich auch vor Rilke nicht halt.

Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn
aus der Enge der Ordnungen
dem Ingrimm der Zeichen
in entsprechender Zeit?
Wer führte mich denn
aus der Unhintergehbarkeit
von Sprache
ins endlich Offene –
Welches Tier soll ich denn anschreien?
Welche Helligkeit?
Welche Tapeten?
Wem käme es zu, Hallo! zu sagen
oder Hoppla!, nur damit irgendetwas
gesagt sei
das leicht ist!


(Auszug aus Ignatia 1)

Gerhard Falkner liebt den hohen Ton. Seine 20 »Ignatien« sind wie ein fernes Echo auf Rilkes »Duineser Elegien«, ein Ausloten dieses immensen Sprachkosmos mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Und die Elegie, das von Euripides und Ovid begründete melancholische Klagelied, entspricht durchaus Falkners poetischer Verfasstheit.

»Heute wird eigentlich die Melancholie gleichbedeutend mit der Depression genannt. Doch die Melancholie ist für mich etwas vollkommen anderes. Mein Melancholieverständnis ist im klassischen Sinne romantisch. Aus der melancholischen Träumerei lassen sich sehr viele Dinge dichterisch machen. Aus der Depression lässt sich überhaupt nichts machen. Das ist ein toter Zustand, der mich auch nicht interessiert und den ich auch nicht nachvollziehen kann. Also ich bin nicht depressiv, aber ich habe durchaus meine melancholischen Phasen.«
(Gerhard Falkner)

Doch Gerhard Falkner nennt seine Dichtungen im Untertitel »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs«. Sie wollen mehr sein als bloße Elegien. Denn neben dem klagenden Ton gibt es bei ihm auch das euphorisch-rastlose Sprechen, wie bei einem Manisch-Depressiven.
 
Derrida! die Blumen sind da!
il y a les fleurs et il y a les fleurs
Tandaradei
die Welt ist online und die Ottern lachen.
Verbrechen gegen die Humanität
bleiben ungesühnt.
Na fabelhaft! alles so saussure!


(Auszug aus Ignatia 5)

Anspielungen auf den poststrukturalistischen Philosophen Jacques Derrida, den Dichter der »Blumen des Bösen« Charles Baudelaire und auf den Minnesänger Walther von der Vogelweide gleich in den ersten drei Zeilen. Gerhard Falkners Elegien sind komplexe Hallräume nicht nur auf Poesie und Philosophie. Mit seinen hermetischen Gedichten, die nicht narrativ sind, also keine Geschichten erzählen, sondern sich aus der Sprache heraus entwickeln, macht er es den Lesern nicht gerade leicht, ihn zu verstehen.

»Ich mache es ihnen so schwer wie möglich. Es ärgert mich ungemein, dass man ausgerechnet von Dichtung erwartet: Hoppla das begreife ich alles sofort, da fliege ich einmal drüber und dann habe ich alles verstanden. Das ist dieses Komplexitätsverbot, das immer heftiger wird gegen die Künste. Das empört mich eigentlich richtig. Denn, warum soll sich jemand nicht um einen Text kümmern, der ihm Lust verschafft, wenn er sich ein wenig Mühe gibt.«
(Gerhard Falkner)

Und Lust an Klang und Sprache vermitteln diese Elegien auf jeden Fall. Sie sind sarkastisch und melancholisch, zornig und humorvoll und große gehaltvolle Sprachkunstwerke, die kein noch so modernes Phänomen ausklammern, von der Webcam über Facebook bis zur Softshell-Hose, und es mit poetischer Kraft aufladen.

»Meine Sprache ist wie meine Hand. Die liegt da. Und dann werfen wir über diese Hand ein Taschentuch. Das ist die Welt. Und dann versuche ich die Hand unter diesem Taschentuch so weit in alle Richtungen zu spreizen wie es irgendwie möglich ist.«
(Gerhard Falkner)

Dass Gerhard Falkner zunehmend auch international als einer der bedeutendsten Lyriker Deutschlands wahrgenommen wird, lässt sich an dem neuen Gedichtband ebenso ablesen. Die »Ignatien« erscheinen zweisprachig, und keine Geringere als die Dichterin Ann Cotton übertrug sie ins Englische. Was den Band aber vollends zu einem hochästhetischen Gesamtkunstwerk macht sind die farbigen Illustrationen des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer. Seine surrealistischen Standbilder aus künstlerischen Animationsfilmen fügen den Falknerschen Elegien eine kongeniale zweite Ebene hinzu.

Dirk Kruse

»Circe im Darkroom.«
Der Tagesspiegel, Berlin

22. Dezember 2014

Gerhard Falkners »Ignatien«: Circe im Darkroom

Lieber von Göttern zerstört als vom Wirrwarr zerbrochen. Gerhard Falkner in Berlin.
(Bildunterschrift zu Foto von Alexander Paul Englert)

Der Dichter Gerhard Falkner schreibt zwanzig Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Mit Ironie und Wut widmen sich seine »Ignatien« dem Auslaufmodell Mensch.

Unter den Ohrwürmern der modernen Dichtung ist Rainer Maria Rilkes erste »Duineser Elegie« besonders hartnäckig. Auch wer kein Wort versteht, was es heißt, »nicht sehr verlässlich zu Hause« zu sein »in der gedeuteten Welt«, dem fliegen bald Engel durchs Hirn, und hinter den Schläfen pocht das Schöne als des Schrecklichen Anfang. Eine Coverversion dieser fast zu Tode zitierten Verse ist weniger ein Sakrileg als finsterer Wahnsinn: Man kommt über die Erhabenheit des Urtexts nicht hinaus. So, wie es Gerhard Falkner in seinen »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« anstellt, klingt es sogar gefährlich nach Germanistenfasching. Wenn er sein seit jeher schwer fassbares lyrisches Ich am Schlafittchen packt und fragt: »Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn / aus der Enge der Ordnungen«, dann darf man auch keine besonders erhellende Antwort erwarten: »Einer in Bergblusen vielleicht / ein Bergblusenwunder«.

Blusen? Blumen? Busen? Falkner scheint keine Albernheit zu scheuen und bewohnt doch das entgegen gesetzte Ende eines Universums, in dem Robert Gernhardt einst Charles Baudelaire die »Fleurs du mal« aus der Hand riss und ihnen die »Blusen des Böhmen« ablauschte. Vielleicht ist ihm ein falscher Buchstabe in die Tastatur gerutscht, ein semantischer Störfaktor, der ihn daran hindert, sich in seinen eigenen Hervorbringungen zu entziffern, vielleicht ist ihm die Urteilsfähigkeit auch grundsätzlich abhanden gekommen. »Alles besitzt uneingeschränkte Relevanz«, behauptet er. »Der Unterschied / zwischen Curt Goetz und Rainald Goetz / zwischen Ann Cotten und Jerry Cotton / ist, genetisch gesehen, irrelevant. / Alles die gleiche Homöobox / das gleiche, trügerische Schillern von Aminosäuren / genetische Strickleitern, codierte Erblast.«
Kulturell hält Falkner natürlich am Gegenteil fest. Es gibt kaum einen grimmigeren und ironischeren Neurastheniker, der hin und her gerissen zwischen Stoizismus und Hypersensibilität über »schlecht gemachtes Unschönes mit einem / Schuss medialen Jux« klagt und dem Kommenden argwöhnischer begegnet: »Hat das Zyklopenauge der Webcams / den Gang all dieser Dinge festgehalten / die immer kürzere Zeit brauchen / um im Sand zu verlaufen? / Spurlos übergreifend ins Nebensächliche. / So klein inzwischen / wie der Abstand zwischen Nepal und Neapel. / Legasthenisch winzig. Wie / die Lücke zwischen dem Jetzt und der Bahnsteigkante. / Erklärte Nacht. Gewaltig endet so das / Auslaufmodell Mensch.«
Die zwanzig »Ignatien«, die sein gleichnamiger Band versammelt, sind gnatzige Rufe in diese bevorstehende Nacht, Trauergesänge auf einen unhaltbar gewordenen Anthropozentrismus, der dennoch nicht von sich absehen will: »Immer wieder sind wir die Sache / auf die wir hereinfallen / das alte Subjekt, die Nummer mit dem / Einen, Unverwechselbaren. Immer / haben wir die falschen Papiere. / Das Bedeutende verfehlt seine Bedeutung / das Zeichen verfehlt das Bezeichnete / hinter den stummen Worten / leuchten die stillen Weiten«. Es sind aber auch Gedichte, die die Hinterlassenschaften des hochstaplerischen Ichs nicht für immer ins Museum verbannen wollen. Nur was ist noch zu retten?
Im Grunde bleibt der »Herzversager« Falkner in den »Ignatien« ein verhinderter Romantiker, ein Dichter, dem die Seele traumverloren schwillt, bis ihr der Theoretiker die Sehnsuchtsluft abklemmt. Es sind Versuche einer ideengeschichtlichen Selbstergreifung im Wissen, dass es keine Metasprache gibt, in der sich die Koordinaten des aktuellen Standorts anzeigen ließen, weder eine gültige der Poesie noch eine zuverlässige der Wissenschaft. Es gibt höchstens Sprechversuche gen- und memprogrammierter Wesen, bei denen sich Überschwang und Ernüchterung fortlaufend in die Quere kommen.
Falkners Literatur fungiert seit Jahren als eine Art Sekundärliteratur, die gegen ihr ewiges Zuspät anrennt, als eine Poesie nach der Poesie, die es nicht lassen kann, in die Stollen der Tradition hinabzusteigen, um dort von jüngeren Sprachschichten so gründlich verschüttet zu werden, dass sie sich kaum noch ans Licht kämpfen kann. »Hölderlin Reparatur« hieß der Band, mit dem er 2008 einem hohen Ton zu neuem Recht verhelfen wollte. In diesem Sinne findet hier eine Rilke- oder eine Novalis-Reparatur statt, die das »Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren« mit zeitgenössischem Vokabular anreichert. »Wenn nicht mehr Dark Pools, Dark Screens, Dark Rooms / uns betören, wenn die Circe selbst / zum Kraut wird gegen ihren Zauber«, steht da nun, getragen von Nietzsches Definition der Wahrheit als einem Heer beweglicher Metaphern und der Überzeugung: »Lieber von Göttern zerstört / als vom Wirrwarr zerbrochen«.
Genau dieser Wunsch verrät durch alle von Falkner vertrauten Textstrategien der Überschreibung, der Sprachebenenkollision und der Lautverdrehung aber auch das, was im postmodernen Regelbetrieb nicht aufgeht und sich nur sehr viel widerborstiger und klassizismusfeindlicher äußert als in den gleichfalls naturwissenschaftsbewegten Gedichten von Durs Grünbein oder den Hölderlin-Verbeugungen von Uwe Kolbe. Wenn die »Ignatien« dabei mehr denn je herauszufinden versuchen, was genuin dichterisches Denken ist, sind sie doch da am stärksten, wo sie ihr theoriegesättigtes Grundrauschen hinter sich lassen und ihrem ureigenen poetischen Affen Zucker geben. In einem analytisch unauflösbaren Metaphernsturz, dessen Verknüpfungsdichte keinem zweiten deutschen Dichter so gelingt, taumelt er durch diese ramponierten Elegien: »Im Garten bei Helga spielt Gott / den verliebten Mandanten / und er geht als goldener Regen auf sie / nieder, durchwühlt ihr Haar / kleckert das Manna ins köstliche Nest / ihrer Hochsteckfrisur. // Unten aber, im entlaubten Meere / wirbeln die leeren Spindeln der Muscheln / es donnern die frommen Ströme / gegen die Stirnen erfrorener Störche.«
Falkner, hat Ann Cotten geschrieben, »neigt, wie viele perzeptive Menschen, dazu, alles zu jeder Zeit selber kapieren zu wollen. Hier wird das Ideal der Bewusstheit, das uns seit der Aufklärung vorschwebt, gefährlich. Denn es ist einfach megaloman.« Je mehr er sich vergisst, desto eher wird er deshalb seiner selbst inne, an den Grenzen einer Sprache, von der er nicht müde zu erklären wird, dass er sehr viel weniger sie spricht als sie ihn. Je dümmer er sich argumentativ stellt, könnte man auch sagen, desto klüger wird er intuitiv – in einer Mischung aus Erregtheit und Selbstberuhigung, die schon im Namen dieser Gedichte angelegt ist. Die Ignatie, auch unter dem lateinischen Namen Strychnos Ignatii bekannt, ist nämlich ein Brechnussgewächs mit bitteren Beerenfrüchten, deren getrockneter, geschälter und pulverisierter Samen in niedriger Potenz der homöopathischen Behandlung von nervösen Stimmungsschwankungen, Hysterie, Verletzbarkeit und Liebeskummer dient. In hoher Dosierung und in das Alkaloid Strychnin verwandelt, entfaltet er toxische Wirkung bis hin zur Atemlähmung. Auch in dichterischer Form ist sie Gift wie Gegengift. Sie kann einem Sinn und Verstand gleichermaßen rauben wie zurückerstatten.
Falkners Elegien kommen in einer von Ann Cotten vorzüglich ins Englische übertragenen zweisprachigen Ausgabe – und mit computergenerierten Filmstills des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer, deren düster-kalter Posthumanismus – keine einzige seiner Gestalten trägt ein Gesicht – den »Ignatien« eine weitere Ebene erschließt. Aber was ist hier schon archaische condition humaine und was futuristische Vision? Im Anhang zitiert Falkner surreal klingende, aber authentische Aufzeichnungen des Ur-Homöopathen Samuel Hahnemann. »Früh beim Erwachen Kopfschmerz, als wenn das Gehirn zertrümmert und zermalmt wäre«, heißt es da. Falkners Replik endet mit den Worten: »Berchtesgaden. Asthma. / Nachtragend. / Doppelter Zeilenabstand. Kummermittel. / Müllberge multipler Melancholie. / Arkadien.«

Gregor Dotzauer

»Surreale Sinnbilder der modernen Existenz.«
Nürnberger Nachrichten

18. Dezember 2014

Poesie und Homöopathie

Gerhard Falkner, 1951 in Schwabach geboren, zählt zu den eigenwilligsten und einflussreichsten Lyrikern deutscher Sprache. Vor kurzem ist sein neuer Gedichtband »Ignatien« erschienen.

Ignatien? Was soll das sein? Ein Landstrich wie etwa Dalmatien? Weit gefehlt, Gerhard Falkner bezieht sich mit diesem Titel auf das Brechnussgewächs Ignatia, das in der Homöopathie Verwendung findet. Ignatia wird bei nervlich bedingten Störungen und Verstimmungen sowie bei Beschwerden, die durch emotionale Belastungen ausgelöst wurden, angewendet.
Nicht zufällig lautet der Untertitel des hochkomplexen und hochkomplizierten Gedichtbandes »Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs.« Nach des Dichters Meinung ist das fast der Normalzustand in der modernen Gesellschaft – das hat auch Folgen für die Sprache. Falkner, der dieses Jahr mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken ausgezeichnet worden ist, experimentiert mit manischen Sprachmustern, lyrischer Verzauberung und ironischer Distanz. Von Ann Cotten stammen die englischen Übersetzungen der 20 Ignatia-Texte.
Das ausgesprochen schön gestaltete Buch ist im kleinen Fürther Verlag starfruit publications erschienen, der sich auf die Verbindung zwischen Literatur und zeitgenössischer Kunst spezialisiert hat. Falkners Gedichtband wird kongenial illustriert von dem Schweizer Künstler Yves Netzhammer (Jahrgang 1970): Bunte und bizarre Bilder wie aus computeranimierten Filmwelten, surreale Sinnbilder der modernen Existenz. Verträumt und verstörend.

Steffen Radelmaier

»Ironisch pointiert und in wütender Verwirrung.«
Der Tagesspiegel, Berlin

8. Dezember 2014

Weihnachten 2014: Lieblingsbuch
 
Gerhard Falkner »Ignatien«

20 poetische Klagegesänge über das schwindelerregende Schwinden des romantischen Ich-Gefühls in Zeiten algorithmischer Hellseherei, beschädigter Sprache und genetischer Schicksalsmelodien – ironisch pointiert und in wütender Verwirrung.

Gregor Dotzauer

»Die Innenräume des Ichs aufbrechen.«
Nürnberger Zeitung

24. November 2014

Elegien der Künstlichkeit

Technoid, künstlich und intim – sind in der Bildsprache des Computerkünstlers Yves Netzhammer oftmals keine Gegensatzpaare. In der Kunst, die Grenzen des Gedichts, die Innenräume des Ichs aufzubrechen, hat sich wiederum der Lyriker Gerhard Falkner einen Namen gemacht. Der Fürther starfruit-Verlag konnte Netzhammer und Falkner für ein ungewöhnliches Buchprojekt gewinnen, das Bildende Kunst und Sprachkunst vereint. Es heißt »Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« und lädt ab sofort zur Auseinandersetzung ein.

Christian Mückl

»Ein Goldstandard des heutigen poetischen Umgangs mit Sprache«
Poetenladen, Leipzig

19. November 2014

Gerhard Falkner
Ignatien - Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ein Glück, sagt die Sprache, ein Glück, dass Versprechen gesprochen, aber auch gebrochen werden. Ein Glück, aus dem Versprechen – ganz einfach – wird ein Versprecher. Denn sonst, sagt die Sprache, denn sonst, wäre ich umsonst auf der Welt, würde ich nicht gesprochen von der Alchemie dieses Dichters, wäre stumm, es gäbe mich gar nicht. Gerhard Falkners 1989 geäußertes Versprechen, keinen eigenen Gedichtband mehr zu veröffentlichen, hat sich als Versprecher gezeigt, der bald eingelöst wurde, das Versprechen ist lange gebrochen, Falkner legt weiterhin Gedichtbände vor. Das ist das Glück der Sprache, und es ist unser Glück, denn dieser Gerhard Falkner kann etwas, was den wenigsten gelingt, er kann die Sprache entzweien und bezwingen, zerstören, besonders aber zelebrieren. In seinem neuen Gedichtband Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs, der zusammen mit dem 1970 geborenen bildenden Künstler Yves Netzhammer entstanden ist, wird ein Goldstandard des heutigen poetischen Umgangs mit Sprache vorgelegt, dessen Auswirkungen vorerst allemal zu erahnen sind.

Ein kleiner Epigraph ist dem Band vorangestellt: »Die Wirkung der Ignatie ist ganz auf das Nervensystem gerichtet!« Dort geht die Reise des 1951 geborenen Gerhard Falkner schon immer hin, ins Innere des Nervensystems, in den Kern des Ichs, und besonders in den Kern des Ichs in dieser entsprechenden Zeit, die man heute nennt.

Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn
aus der Enge der Ordnungen
dem Ingrimm der Zeichen
in entsprechender Zeit?


Mit Hilfe Rilkes Duineser Elegien (»Wer, wenn ich schrie, hörte mich / denn aus der Engel Ordnungen?«) beginnt die erste Ignatie (›Ignatia 1‹) mit einem Klageschrei, einem schwermutvollen Ausstülpen des Inneren auf die Welt und die Zeit hin, auf diese entsprechende Zeit, die mit ihrem Sprechen mehr und mehr an ein Ende zu gelangen scheint, sich vielleicht schon ausgesprochen hat. Gegen die Sprachlosigkeit, die der Tod ist, geht diese Selbstanrufung, die den Band eröffnet:

Wer führt mich denn
aus der Unhintergehbarkeit
von Sprache
ins endlich Offene?


Die Sprache ist hier eine Wand, die zwischen dem Ich und dem Offenen steht, doch was ist das Offene, wenn nicht auch der Ausdruck (das Drücken nach außen) des Ichs? Das Ich, die Subjektivität, was die alten Griechen die Seele nannten, wird in Falkners Ignatien wieder und wieder besungen und zum Schwingen gebracht. Aber dieses Ich hat es schwer und schwerer in Zeiten, die dominiert sind von den vielfältigen Ausrottungen der Individualität, wo »[n]ichts zählt« in einer »alptraumwachen Welt«, wo die Sprache immer mehr zu einem »Kommunikationsautomaten« mechanisiert wird, wo auf der Sprache herumgetrampelt wird wie auf dem ewig zertretenen Gesicht, das George Orwell als das treffende Bild der Zukunft empfand, in der wir uns heute befinden müssen – das Sprachzertreten ist allgegenwärtig: »Alles, was zu dumm ist, gesprochen zu werden / wird jetzt gesungen«.
Es ist also kein Zufall, dass die Sprache in Falkners Ignatien wiederholt allegorisiert wird und die Bühne betritt als Figur: »Heute früh um 8 hat es geklopft und gefragt: / ›Ist denn die Sprache zuhause?‹ / Nein, hat es geantwortet, die wohnt hier nicht mehr.« Denn verbindlich ist die Sprache mit dem Ich verknüpft. Die Wendung, die ein Subjekt wählt für eine Erfahrung, ist singulär, nicht reproduzierbar und nicht wiederholbar. Die Nutzung der Sprache, als wäre sie auch unbedacht, flapsig nutzbar, so spricht es aus diesen Ignatien heraus, wird unmittelbar gefolgt sein von einem unbedachten, flapsigen Leben. Was Falkner einmal das »Versiegen des inneren Monologs« nannte, ist heute mit Händen zu greifen, vielleicht auch, weil das Medium, das den inneren Monolog darstellt, nämlich die Sprache, heute überall verfügbar ist. Man spricht vom Bildzeitalter, von der digitalen Welt, dabei ist es doch, durch Internet und Smartphone, mehr als alles andere, die Sprache, die heute im Zentrum des Lebens steht. Das Erstaunlichste daran aber ist, dass dieses Zentrum nicht den Kern des Ichs darstellt, weil sie eine Mitteilungssprache, eine ledigliche Redesprache geworden ist, die das Lyrische verpasst. Das Versiegen des inneren Monologs liegt auch darin begründet, dass die Sprache weniger kostbar geworden ist, durch Sprachübersättigung allerorts.
Falkners Werk setzt sich immer schon mit dieser Problematik auseinander und wusste von Beginn an um die primäre Wichtigkeit des persönlichen Sprechens. In seinem ersten Gedichtband so beginnen am körper die tage (1981) heißt es schon: »siehst du, ich habe das auge aufgestemmt. / mit dem werkzeug der stimme / habe ich freigelegt das zittern seiner linse«. Das Werkzeug der Stimme ist in dieser flüchtigen Zeit – in ›Ignatia 9‹ heißt es: »Ist hier das Jetzt jetzt denn endlich einen Moment lang ewig?« – in dieser flüchtigen Zeit ist das Werkzeug der Stimme notwendig, um die Sprache auf eine Weise zu öffnen, die das Ich zum Vorschein bringt. Das bedeutet für Falkner niemals, dass die Sprache in eine elitäre Ecke drängen sollte, wo in Privatsprache über etwas diskutiert wird, das kaum gehört werden kann oder will. Nein, nein: Falkners Sprache geht eben ins Nervenzentrum, in die Schaltzentralen der Gegenwart, und aus diesem Grund führt er immer vor, was Michael Braun einmal treffend beschrieb als ein »Oszillieren zwischen klassisch-romantischer Verzauberung und moderner Entzauberung, zwischen hohem Ton und coolem Gegengesang.«
Auf kühnste Weise wird in den 20 Ignatien dieses Oszillieren durchgeführt, wie in der ›Ignatia 8‹, die beginnt mit den Worten:

Etwas anderes ist es, nicht recht bei Trost zu
zu sein in einer entrückten Welt.
Wie herrlich die Frühnebel sind
die Wiesen zur Unzeit
zum Reinschreien.


Zum Reinschreien sind diese Nebel, die früh, also frisch sind, und wie die eintönige Fläche des Nebels ist auch das Papier rein und frisch, zum Reinschreiben also. In die Welt schreibt sich das sprechende Ich ein, mit jedem Wort wird das Ich, das hier spricht, ein wenig ewiger, wenn es seine Sprachkollisionen durchführt und sich dabei näher kommt: »Früh schon ein Abendmensch / eingegraben ins Eigene / aber immer ein ganzes Gigabyte Sperma im Speicher«. Diese Brüche, die entstehen wenn zarte Worte wie »Abendmensch« und die assonante Schönheit von »eingegraben ins Eigene« treffen auf die harte technosexuelle Kälte von »Gigabyte Sperma im Speicher« – diese Brüche sind eben der ganz Ur-Falknersche Registermix, der im lesenden, oder hörenden Subjekt sowohl Rührung wie Irritation anregt. Das Subjekt, die Seele, kommt zu sich selbst, indem es diese Gedichte liest, oder hört.
Dabei ist vielleicht kein heute Schreibender so köstlich kulturpessimistisch und gleichzeitig lyrisch wie Falkner:

Wir haben mehr von der Erde gesehen
als ein einziges Mal eine Handvoll
von ihr das Glück hatte, von uns in die Hand
genommen und genauer betrachtet
zu werden. Wir ewigen Easy-Jetter.


Alles ist einfach, aber das heißt nicht, dass alles leicht ist, oder gar etwas schwebt. In einer Welt, da sich »schwer [...] die / Gewalten ins Gedächtnis stemmen«, schält sich der Wunsch nach Leichtigkeit, Schwerelosigkeit hervor: »Ich wollte, die Welt wäre weiß und leicht / wie Weizenmehl und sie flöge«. Und es ist auch die Liebe, die durch Falkners Zeilen geht, denn auch sie läuft Gefahr kolonisiert zu werden von den Normen, eingemauert zu werden in die »Enge der Ordnungen«:

Das Herz, die Konsole, Kranz, Kanüle und Kapsel
die Trommel, der Tanz, Tabelle, Diktat und Turbulenz
fordern Liebe.
Aber nur dann ist die Liebe ein gültiger Algorithmus
Wenn sie bei der gleichen Voraussetzung
Zum selben Ergebnis führt –
und das tut sie ja nicht


Liebe existiert ausschließlich persönlich, kein Algorithmus ist – auch wenn die medialen Angstmacher das Gegenteil schüren – befähigt, die Seele zu algorithmisieren, denn die Liebe, wie die Seele, kommt durch einen anderen Rhythmus in die Welt, durch die Sprache, die dem Menschen eigen ist.
Neben den surrealen, an Duchamp erinnernden Piktogrammen von Yves Netzhammer zielen die Ignatien – der Titel verweist auf die bald giftige, bald reinigende Wirkung der Pflanzenart Ignazbohne – zwar auf das Nervensystem; Falkners Gedichte attackieren es bisweilen sogar, doch die Wirkung dieses außergewöhnlichen Bandes ist eine Einladung, sich neu mit der Sprache zu befassen, die Sprache neu zu bedenken, neu, das zu machen, was die Poesie kann:

Ihr, die ihr geliebt habt
die ihr den Traum des Unwahrscheinlichen geträumt habt
den die Grausamkeit Hoffnung nennt
entartet euch, entrückt die Sprache –
grau wie Hundeasche – ins Unenthüllte.


Es gilt, diese kostbaren Worte, die der Worteklauber Falkner hier sammelt (»die Echos absammelt«) und kombiniert, und die in Ann Cottens eleganten wie verfremdenden englischen Übersetzungen gleich beigegeben sind, langsam auf der Zunge zu führen und zu erkennen, welche Kraft in der Dichtung steckt: »Sogar absolut nichts kann alles heißen«. Wieder klingt hier die gleichzeitige Fremdheit und Vertrautheit von Sprache an.
In einem auf Deutsch verfassten Brief von 1936 schrieb Samuel Beckett einmal: »Und immer mehr wie ein Schleier kommt mir meine Sprache vor, den man zerreissen muss, um an die dahinterliegenden Dinge (oder das dahinterliegende Nichts) zu kommen. […] Ein Loch nach dem andern in ihr zu bohren, bis das Dahinter kauernde, sei es etwas oder nichts, durchzusickern anfängt – ich kann mir für den heutigen Schriftsteller kein höheres Ziel vorstellen.«
Der Bohrort des Schriftstellers ist die Sprache, und auch ist sie sein Bohrer. Falkner setzt seinen Sprachbohrer dort an, wo es sich gehört, in der Sprache selbst und findet, was vielleicht etwas, vielleicht nichts ist, aber immer an das Ich rührt, das in der Sprache lebt.
Zum Schluss aber (»dann endlich geht das Aber aus sich heraus«) kommt noch einmal die Sprache zu Wort und fragt sich, was darauf folgen wird, wohin Gerhard Falkner noch gehen werden kann, wohin er sich noch sprechen und schreiben wird können, wo diese Gedichte so scheinen, als schritten sie schon an den aller äußersten Rand der modernen Poesie, wo die Sprache scheinbar in jedem Wort, in jedem Klang ihrer Worte, sich selbst hinterfragt. Danach ist Schluss, könnte die Sprache spotten, aber erstens beherrscht dieser Dichter sie so wie sie sich selbst beherrscht (»Es spricht die Sprache sich selbst wie kein Zweiter!«), und zweitens hat man schon einmal gemeint, Gerhard Falkner würde schweigen und er kam zurück zur Sprache, mit Sprache. Ein Glück, sagt die Sprache, ein Glück.

Jan Wilm

Deutschlandfunk

Zwischentöne 17.5.2015

Der Lyriker Gerhard Falkner

Gerhard Falkner, Jahrgang 1951, zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern. Für sein umfangreiches Werk, das auch viele Übersetzungen internationaler Lyrik umfasst, wurde er mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Im Gespräch mit Joachim Scholl