Joshua Groß
Philippe Gerlach

Magische Rosinen

Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht
Novelle aus dem Spätkapitalismus

Ausgezeichnet von der Stiftung Buchkunst im Wettbewerb »Die Schönsten deutschen Bücher 2015«

Herausgeber: Manfred Rothenberger und Institut für moderne Kunst Nürnberg
Gestaltung: Timo Reger
Text: Joshua Groß
Fotografien: Philippe Gerlach

96 Seiten mit 16 doppelseitigen Schwarzweißabbildungen
Hardcover; 21,5 x 15 cm
Deutsch | Euro 17,90
ISBN 978-3-922895-25-1

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»Eines der beeindruckendsten Debüts der letzten Jahre« nannte der Bayerische Rundfunk den Erstlingsroman Der Trost von Telefonzellen von Joshua Groß – »eine literarische Entdeckung« vermeldeten die Nürnberger Nachrichten, einen »Coming-of-beat-Roman« der Kulturblog www.apfelknecht.de. Nun erscheint das zweite Buch von Joshua Groß: die Novelle Magische Rosinen, erneut mit Fotografien von Philippe Gerlach.

Der kleinkriminelle Musikfetischist Mascarpone und die stolz-kühne Sahra Wagenknecht, furchtlose Verfechterin einer radikalen gesellschaftlichen Sehnsucht, verfallen einander und erkennen, dass Utopien durchaus real werden können.

Sie machen sich auf die Suche nach den magischen Rosinen – einem Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins. Ob diese magischen Rosinen überhaupt existieren, ist fraglich. Sahra Wagenknecht: »Niemand glaubt an ihre Existenz, aber jeder will sie haben.«

Der Magnetismus, der Mascarpone und Wagenknecht verbindet, führt sie auf einen wilden Trip nach New York, wo es zum Showdown kommt zwischen unbeugsamen Surfmusikern, wilden Revolutionären und haltlosen Bösewichtern.

Magische Rosinen pendelt zwischen zeitkritischen Fragestellungen und comichaftem Trash – es ist der Versuch, durch inhaltliche Überspitzung die Bedingungen gesellschaftlicher Veränderung zu hinterfragen.

Während Joshua Groß in seiner Novelle auf Untergrundmythen zurückgreift, auf Verschwörungstheorien, Splatter, William S. Burroughs, Surfmusik und Kapitalismuskritik, konfrontiert Philippe Gerlach den Betrachter mit Aufnahmen von sturmverwüsteten amerikanischen Städten, die sich ebenso unweigerlich wie unostentativ mit der Geschichte von Joshua Groß verbinden.

»Die Schönsten deutschen Bücher 2015 stehen fest.«
BuchMarkt, Neuss

15. August 2015

Die Schönsten deutschen Bücher 2015 stehen fest

Im Wettbewerb »Die Schönsten deutschen Bücher« wählten zwei Expertenjurys aus insgesamt 756 eingesandten Titeln die 25 schönsten deutschen Bücher des Jahres.
Die prämierten Bücher zeigen eine große Bandbreite gestalterischer und herstellerischer Möglichkeiten, jedoch berücksichtigt die Auswahl auch das leisere, solide gemachte Lesebuch.
Eine weitere Jury wählt aus diesen 25 schönsten Büchern nochmals einen einzigen Titel, der den mit 10.000 Euro dotierten Preis der Stiftung Buchkunst erhält. Dieser wird am 3. September 2015 auf der großen Preisverleihung bekannt gegeben.

Zur Teilnahme zugelassen waren wieder Bücher aus deutschen Verlagen sowie Bücher aus ausländischen Verlagen, sofern die technische Produktion ausschließlich in Deutschland erfolgte.

Die Preisträger

Allgemeine Literatur:

Michael Glawogger: 69 Hotelzimmer (Die Andere Bibliothek), Gestaltung: Andreas Töpfer,

Joshua Groß: Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht (starfruit publications), Gestaltung, Satz und Herstellung: Timo Reger

Émile Zola: Meine Reise nach Rom (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung), Gestaltung, Satz und Herstellung: Stephanie und Ralf de Jong / deJong Typografie

Konstantínos Kaváfis: Edition ReVers 01–03: Im Verborgenen (Verlagshaus J. Frank Berlin),  Satz und Gestaltung: Dominik Ziller

A.L. Kennedy: Der letzte Schrei (Carl Hanser Verlag), Gestaltung, Satz und Herstellung: Iris Kochinka; Einband: Peter-Andreas Hassiepen

(...)

»Verschwörungstheorien und Kapitalismuskritik.«
bn.bibliotheksnachrichten, Salzburg

4/2015

Comichafter Trash gemischt mit gesellschaftskritischen Fragestellungen

Joshua Groß, als literarische Entdeckung mit seinem Debüt »Der Trost von Telefonzellen« gefeiert, liefert Nachschub mit seinem Buch »Magische Rosinen«. In lockerem Plauderton wird von der Begegnung zwischen dem Rapper Mascarpone und der Abgeordneten Sahra Wagenknecht erzählt. Was beide miteinander verbindet, ist die Sehnsucht nach einer gesellschaftlichen Veränderung. Um diese zu erzwingen, schwelgen sie in Utopien, machen sich auf die Suche nach magischen Rosinen, die als Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins herhalten müssen. Ob diese überhaupt existieren, bezweifeln sie, halten dennoch an ihrer Suche fest. Ein Spiel zwischen Imagination, Autosuggestion und Wirklichkeit beginnt irgendwo in München und endet in New York, wo es zur Begegnung mit unbeugsamen Surfmusikern und überzeugten Revolutionären kommt.
Joshua Groß verweist auf Verschwörungstheorien und Kapitalismuskritik. Der Fotograf Philippe Gerlach ergänzt das Buch mit Aufnahmen von sturmverwüsteten amerikanischen Städten. Das Buch ist inhaltlich anregend gestaltet. Jugendlichen LeserInnen empfohlen.

Cornelia Stahl

»Obst für die Weltrevolution.«
www.apfelknecht.de

8. Dezember 2014

Obst für die Weltrevolution: Joshua Gross’ Novelle »Magische Rosinen«
 
 »Magische Rosinen«, die neue Novelle von Joshua Groß, feiert den Stil der Gegenkultur, des Exploitation-, Western- und Detektivromans. Dem wird man nicht anders gerecht, als mit einem Surfcore-DoubleBeature.

Und da steht sie einfach mitten im Hotelzimmer: Sahra Wagenknecht. Unerbittlich in akkurater Flechtfrisur, Slip, Nylons und den leichten Abdrücken eines Pistolenholsters am rechten Oberschenkel. Das haut nicht nur den Nachwuchsrapper Mascarpone um, sondern auch die eingemuffte, sich im ewigen Blick zurück selbst strangulierende deutsche Gegenwartsliteratur.
Joshua Gross surft in »Magische Rosinen« auf einer B-Movie-Welle am Strand der Erkenntnis und erzählt sprach- und phantasiemächtig eine Novelle zwischen Begierde und Weltrevolution. Philippe Gerlach liefert dazu die passenden Schwarzweiß-Aufnahmen von verwüsteten Städten.
Was ist eigentlich los mit der Weltrevolution? Hat sie sich in den dialektischen Fäden der Weltpolitik verloren? Und so das der Fall ist: Genügt eine Amazone des Kommunismus, um diese verworrenen Fäden zu kappen? Die ist sich jedenfalls sicher, dass es ohne die, im Bauch eines Wals versteckten, magischen Rosinen nicht gehen wird. Ganz linke Femme Fatale und in bester antiker Tradition bezirzt sie Mascarpone, Deutschlands ersten Hegel-Rapper, ihr dabei komplizenhaft zu helfen.
Die Odyssee führt den postmodernen Hustler zu Verschwörungstheoretikern in 2nd-Hand-Plattenläden, transatlantischen Geheimbünden und letztlich an den feinen Strand in Far Rockaway.
»Magische Rosinen« verneigt sich vor Exploitation-, Detektiv- und Westernmotiven, vor einer Welt, in der Trash ein verheißungsvoller Weg zur Erkenntnis ist. Und das klingt wie eine mehr als vielversprechende Alternative zum Gros der deutschen Gegenwartsliteratur. Denn die sucht noch immer die Wahrheit im Blick zurück und vergisst dabei meistens, dass auch Phantasie und Unterhaltung ein Teil der Kunst sind. Eine Gegenwartsliteratur, die, wie Clemens Meyer wunderbar kalauerig in München forderte, entweder ungeschöntes »Leif« abbildet, oder von Familiengeschichten im geteilten Deutschland und geteilten Familien im vereinigten Deutschland erzählt. Eine solche Literatur braucht einfach mehr Autoren, die lieber Lego als Schach spielen und lieber Gummibärchen als pseudotiefgründigen Schwachsinn in den Raum werfen.
Von der kulturellen Relevanz des Surfboards wird noch zu reden sein.
 
Johannes Hertwig

»Die Farben grell, die Actionszenen rasant und der Sex explizit.«
kulturnews, bunkverlag, Hamburg

28. November 2014

Magische Rosinen

25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer soll in Thüringen ein Politiker der Partei »Die Linke« zum Ministerpräsidenten ausgerufen werden, und die Kanzlerin warnt bereits vor der Rückkehr von Karl Marx in die Staatskanzlei. Was die echte Sahra Wagenknecht dazu zu sagen hat, ist nicht weiter bekannt – die Wagenknecht aus der Novelle von Joshua Groß würde jedoch allenfalls mit den Schultern zucken. Bei ihr haben sich die Koordinaten der Weltrevolution schon lange verschoben: Alle Ideologien sind weitestgehend über den Haufen geworfen, und das ambitionslose Geplänkel des deutschen Politikbetriebs gibt keinen Anlass zur Hoffnung mehr. Also schickt sie ihren neuen Liebhaber, die Rap-Hoffnung Mascarpone, nach New York, um dort die ominösen Magischen Rosinen ausfindig zu machen, die vielleicht von hippiesken Außerirdischen eingeschmuggelte Drogen sind, vielleicht aber auch etwas ganz und gar anderes. Eine moderat benebelte Odyssee nimmt ihren Anfang, in der abgewrackte Surfmusiker, skrupellose Bösewichte mit verwachsenen Wattestäbchen im Ohr und unbarmherziger Treibsand eine nicht unwesentliche Rolle spielen ... »Würde man die Welt verfilmen, wäre sie ein B-Movie.« Dieser Satz stammt vom amerikanischen Regisseur Monte Hellmann, und er könnte auch das Credo von Joshua Groß beim Schreiben dieses schmalen Buches gewesen sein: In »Magische Rosinen« sind die Farben grell, die Actionszenen rasant und der Sex explizit. Die Novelle zischelt psychedelisch, und von der Promenade winkt gar nicht mal so unerkannt Thomas Pynchon herüber. Der stramme Marxist wird über diesen Surfploitation-Western wohl ebenso die Nase rümpfen wie der handelsübliche deutsche Feuilletonist. Was sie dabei übersehen: Ohne die notwendige Lässigkeit sind keine Veränderungen zu erzielen. Joshua Groß hat das längst kapiert.

(mwe)

»Angenehm trashiger Surfploitation-Western.«
uMagazine.de, Hamburg

27. November 2014

UMSTURZ IN B-DUR

Autor Joshua Groß weiß: Die Erkenntnis liegt im Trash. Und der Schlüssel zur Revolution ist extraterrestrisches Obst.

Was ist eigentlich aus der Weltrevolution geworden? Statt mit seiner Novelle »Magische Rosinen« den drögen DDR-Vergangenheitsbewältigungsfetisch der deutschen Gegenwartsliteratur zu bedienen, widmet sich Joshua Groß lieber den wirklich wichtigen Fragen. Zwar spielt auch hier der Kommunismus eine entfernte Rolle, aber seine bekannteste parlamentarische Vertreterin – in Gestalt von Sahra Wagenknecht – hat im postideologischen Zeitalter recht eigentümliche Vorstellungen davon, wie sich die Weltrevolution noch bewerkstelligen lässt: mithilfe außerirdischer Früchte etwa, die angeblich im Bauch eines Wals versteckt sind. Also schickt sie ihren neuen Liebhaber, den deutschen Nachwuchsrapper Mascarpone, auf eine reichlich benebelte Odyssee, um die Objekte der Begierde zu finden. Groß lässt das unkonventionelle Liebespärchen in der Folge auf halbseidenen Verschwörungstheorien, schiefen Palmen und pynchoneskem Liedgut surfen, dreht die Farben und die Musik auf und legt dem Leser damit etwas vor, das sich vielleicht am besten als angenehm trashiger Surfploitation-Western bezeichnen lässt. Groß lehnt sich an das Motto von Kultregisseur Monte Hellmann an, demzufolge die Welt nur als B-Movie verfilmt werden könne. »Ich bin davon überzeugt, dass das B-Movie das Erkenntnisinstrument des dritten Jahrtausends ist. Das kann man nicht früh genug akzeptieren, wie ich finde,« sagt Groß und macht uns mit seinem zweiten Buch Mut, bei der Suche nach Veränderung auch auf Surfmusik und außerirdische Schützenhilfe zu bauen.

Manuel Weißhaar

»Spannend ist das allemal.«
Nürnberger Nachrichten

30. Oktober 2014

Heiße Affäre vor trostloser Stadtkulisse

Sex & Drugs & Rock’n’Roll: Um das angebliche Liebesleben von Sahra Wagenknecht und „magische Rosinen“ dreht sich das neue Buch des Nürnberger Schriftstellers Joshua Groß.

Ist die Linke auf einmal sexy? „Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar beabsichtigt, die Figuren dieses Buches sollten aber nicht mit ihren Vorbildern verwechselt werden.“ Dieser Hinweis findet sich am Ende der seltsamen Liebesgeschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Joshua Groß dichtet der linken Politikerin eine heiße Affäre mit dem (fiktiven) Deutsch-Rapper Mascarpone an.
„Während Mascarpone ins Abenteuer schlidderte, war die Abgeordnete paralysiert im Bundestag gesessen, hatte professionell-aufmerksam gewirkt, hatte Herzschmerz wie eine Heranwachsende, hatte eigentlich pure Angst, die zur Hälfte eingeredet war.“
Joshua Groß, der kurz hintereinander drei wichtige Auszeichnungen (Bayerischer Kunstförderpreis, Wolfram-von-Eschenbach-Preis, IHK-Literaturpreis) eingeheimst hat, legt ein Jahr nach seinem erfolgreichen Debütroman „Der Trost von Telefonzellen“ nun eine kleine „Novelle aus dem Spätkapitalismus“ nach. Eher die fiebrige Fingerübung eines verblüffenden literarischen Nachwuchstalents als eine literarische Provokation. Nonchalant zitiert er seine Vorbilder und transportiert ihre Anliegen in die Jetztzeit.
Wieder orientiert sich Groß an der amerikanischen Beatnik-Prosa der 60er Jahre und wieder werden in einer abgedrehten Geschichte im Grunde gesellschaftliche Utopien verhandelt. Könnte allerdings sein, dass man schon auf Außerirdische warten muss, die magische Rosinen an die Menschen verteilen, damit sich wirklich was verändert auf diesem Planeten und im Bewusstsein seiner Bewohner.
Denn Joshua Groß, der wie viele am herrschenden System (ver)zweifelt, hat natürlich keinen Heilsplan in der Tasche. Er schickt seinen Anti-Helden Mascarpone auf einen irren Trip nach New York. Popmusik spielt dabei eine ebenso wichtige Rolle wie abstruse Verschwörungstheorien und allerlei Drogen.
Groß spielt hier geschickt mit Versatzstücken der Underground-Literatur von William S. Burroughs bis Alan Ginsberg. Dazu liefert wiederum der Fotograf Philippe Gerlach Schwarz-Weiß-Aufnahmen von sturmverwüsteten Städten und amerikanischen Trümmerlandschaften. Die ungewöhnliche Kombination von Bild und Text, von Kunst und Literatur gehören zum anspruchsvollen Konzept des Fürther starfruit-Verlags.
Spannend ist das allemal.
Besonders spannend wäre es zu erfahren, was Oskar Lafontaine zu dem Buch sagt. Sahra Wagenknecht hat bisher nicht reagiert.

Steffen Radelmaier

»Sex und Sehnsucht im Spätkapitalismus.«
Nürnberger Zeitung

18. Oktober 2014

Die Entwaffnung der Sahra Wagenknecht

Frechheit siegt. Und taugt zur Literatur. Mit seiner Novelle “Magische Rosinen“ tischt Joshua Groß „die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht“ auf: Sex und Sehnsucht im Spätkapitalismus.

Pressemitteilungen von der Vize-Chefin der Linken sähen wohl anders aus – aber die Kunst ist ja frei: „Mascarpone und Sahra Wagenknecht tranken Arungtee, kompensierten das Erlebte mit Neckereien und Sex. ,Ich habe dich vermisst‘, hatte die Abgeordnete gemurmelt, nach ihrem ersten Orgasmus, ,ich habe mich gefühlt wie . . . ein Schokoladenhase . . . dem der Kopf abgerissen wird, eingepackt in Zellophan‘. Mascarpone hatte gelächelt und die Geliebte schützend in den
Arm genommen.“
Mascarpone ist Rapper. Sahra Wagenknecht ist Sahra Wagenknecht. Und in der Novelle „Magische Rosinen“ des 1989 in Grünsberg bei Altdorf geborenen Schriftstellers Joshua Groß verliert die politisch eiserne Madame der Manifeste an einen Musiker mit Migrationshintergrund ihr Herz.
Eine Veranstaltung der „Linken“ in München. Ein zufälliges Gespräch. „Sie entschloss sich, wenn man sich zu so etwas entschließen kann, der Aura des Rappers eine gewisse Wildheit anzudichten. Wildheit aus der Tatsache abzuleiten, dass einer, der gleichzeitig Gangster und Gentleman ist, kluge Dinge im umständlichen Slang sagt, mag verwunderlich sein, aber wenn man weiß, dass Sahra Wagenknecht sogar in Oskar Lafontaine Wildheit entdeckte, bemerkte
man auch, dass es hier eigentlich gar nicht um Wildheit ging, sondern um
Sympathie.“ Bedenkt man, dass der junge Autor dieser Zeilen hier erst sein zweites Werk vorlegt: Hut ab, beziehungsweise Rapper-Kappe runter.
Wie sein Debüt, das mehrfach ausgezeichnete Roadmovie-Buch „Der Trost von Telefonzellen“ ist auch dieser Wurf in Manfred Rothenbergers ambitioniertem Fürther starfruit-Verlag erschienen, der sich dem Mix aus Literatur und bildender Kunst verschrieben hat. Da ist man als Autor nicht nur in bester Gesellschaft, sondern auch in guten Händen – wie das Ergebnis zeigt.

Im Bundestag der feuchten Fantasien

Die Story der„Magischen Rosinen“ ist messerscharf aufgezogen und sprachlich zugespitzt. Über einen Erschossenen, der im Treibsand versinkt, heißt es da: „Von Vincent Burton waren nur noch die Schuhsohlen oberirdisch.“ Und in welcher Stellung man morgens am besten „mundgeruchskonfrontationsvermeidend“ Sex hat, darum geht es nebenher auch.
Sex und Crime, Rap und Romantik, eine fundamentale Bundestagsschönheit und ein Hipster von heute, der zwar für die Beatnik-Bücher eigentlich zu jung ist, aber trotzdem seinen William S. Burroughs gelesen hat. Wenn Wagenknecht einen Pistolenhalfter am Strumpfhalter trägt, beeindruckt ihn das wenig.

Wer den Wal hat, hat den Gral

Während die Abgeordente sich also im Bundestag heimlich nach dem Lover verzehrt, ist dieser gerade in den USA unterwegs, um Rosinen zu finden. Der Beerenbegriff bezieht sich auf die fiktive Surf-Band „Magic Raisins“, deren Name womöglich auf Drogen abzielte. Worum es sich genau handelt, darüber rätseln die Protagonisten bei der Beerensuche selbst, aber das macht nichts. Songtexte flankieren die Handlung, Erzählstränge tun sich auf. Mr. Korn, ein verstoßener Verehrer von Frau Wagenknecht wird auf den Rapper eifersüchtig, riecht Lunte und nimmt ebenfalls die magische Fährte auf: kurios. Ein Mythos besagt, dass die „Magischen Rosinen“ in einem Wal von der amerikanischen West- zur Ostküste
geschafft wurden und dann verschwanden.
Gral, Wal, Melville: Der Wal als literarische Steilvorlage. Die Anekdote von den Aliens, die US-Präsident Eisenhower 1954 in New Mexiko getroffen haben soll, kommt hinzu: Was für eine Wundertüte von Buch. Manchmal wird der Autor seiner Lust auf Verschwörungstheorien und Zeitgeistphänomene kaum Herr.
Egal, ob es sich bei dieser Geschichte nun um eine großartige Parodie handelt oder einfach um großartige Poesie: in Sicherheit fühlt sich der Leser nie. Aber über eine klassische Novelle geht der Rosinen-Band eh schon rein gestalterisch hinaus. Es ist ein Kunstbuch, gefüllt mit Literatur: Dafür sorgen die Schwarz-Weiß-Fotografien des französischen Künstlers Philippe Gerlach (Jg. 1982), dank dessen grobkörniger Impressionen aus einem sturmumtost ins Wanken geratenen Amerika viel Noir in den Seiten steckt.

Christian Mückl

»Beim Handeln gibt es keine Phrasen.«
literaturkritik.de

17. Oktober 2014

Unter Komplizen

Je unsicherer die Zukunft und je instabiler die Gesellschaft, desto ausgeprägter die Angst, weil vieles offen, aber kaum etwas von Bedeutung ist. Damit verbunden ist die Sehnsucht nach Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit. Diese „Gesellschaft versicherte sich immer neurotischer gegen jedes Risiko, gegen jedes unvorhersehbare Gefühl. Und diese diffuse Ablehnung der Irrationalität war überall, wir lebten nicht mehr, wir planten alles und eigentlich war es nur die Evolution der IKEA-Werbung“, schreibt Joshua Groß in seinem Debütroman „Der Trost von Telefonzellen“, der 2013 erschienen ist.
Ein im besten Sinne überraschendes Buch, das zugleich zeigt, wie sehr vor allem die junge Generation der Zwanzig- und Dreißigjährigen Überraschungen braucht, um sich selbst zu spüren: „Das ist wenigstens mal ein Tag, der nicht die elende Kopie eines anderen ist. Das ist wenigstens mal eine Konfrontation mit dem, was man manchmal Leben nennt. Das ist wenigstens mal eine warme Nacht, in der ein Dichter einen Tapeziertisch klaut, ein intellektueller Vagabund, ein bescheuerter Doktor, Seite an Seite mit einem bekloppten Maler, ein kaputtes Herz, ein zerstörter Verstand, und tagsüber sieht alles so normal aus […]“
Die „Generation Y“, die hier beschrieben ist und die der Autor selbst verkörpert, kann Umwege machen und Lebensschwerpunkte verschieben – aber es muss Sinn ergeben. Was ist relevant? Das ist die Leitfrage der „Generation WHY“, die zwischen 1980 und 1995 geboren ist, und die bisherige Verhältnisse und Vorstellungen infrage stellt. In der Fachliteratur werden mit ihr postmaterialistische Werte wie Freundschaft, Nachhaltigkeit, Selbstbestimmung und Ungebundenheit in Verbindung gebracht. Wie sie wirklich fühlt, denkt und handelt, wird hier allerdings kaum reflektiert. Auch vor diesem Hintergrund ist es eine innere Bereicherung, sich mit Joshua Groß zu beschäftigen und seine Bücher zu lesen, die alle wie ein roter Faden miteinander verbunden sind und doch immer auch für sich stehen. Es geht um die Frage, was eine Idee erreichen kann, aber auch um die Interessen des Einzelnen, um das, was er ist, wie er sich profiliert im Sinne inhaltlicher Erkennbarkeit: „deutlicher sein, zugespitzter und abgehobener“.
Schreiben ist für Joshua Groß ein Versuch, zur Erkenntnis vorzudringen. Während dieses Prozesses dreht, spiegelt und dehnt er das Anliegen zu einem signifikanten „Klumpen Ton“ und hofft, dass der Leser seine Texte wie Kaleidoskope betrachtet, sich an der psychedelischen Bewegung erfreut, beim Lesen aber auch Spaß hat und vielleicht dahinter sogar irgendwo die Wirklichkeit erahnt. Wenn er den Eindruck hat, beim Schreiben nicht vorwärts zu kommen, ist das für ihn keine Kreativitäts- oder Schreibblockade, sondern immer auch eine Form des Lernens, die ihn dazu führt, an der Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft mitzuwirken: „Es geht doch um mehr als um mich.“ Das ist für ihn die Chance der Literatur: durchzuspielen, wie sich Leben und Gesellschaft, die sich häufig über das Materielle definieren, auch entwickeln könnten. So wird auch im Roman das Gefühl beschrieben, etwas (sichtbar) „machen zu müssen, weil man spürt, dass es nötig ist. Dahinter steht keine rationale Kalkulation“.
Angefangen mit dem Terroranschlag am 11. September 2011 über die Afghanistan-, Irak-, Wirtschafts- und Finanzkrise haben die Vertreter der Generation Y erfahren, dass es viele Probleme in ihrer Lebenswelt gibt. Sie sind vom Krisengefühl begleitet worden und haben dadurch ein ständiges Gefühl der Angst und Unsicherheit miterleben müssen. „Ich versuchte zumindest, nicht zu viel an die Zukunft zu denken, weil es passierte, dass ich in Angstzustände fiel, die jede Unsicherheit quadrierten“, heißt es in „Der Trost von Telefonzellen“.
Der 1989 in Altdorf im Landkreis Nürnberger Land geborene Franke Joshua Groß studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Politikwissenschaft und Ökonomie und machte seinen Master in „Ethik der Textkulturen“. Zu seinen Lieblingsautoren gehören die argentinischen Autoren Jorge Luis Borges und Julio Cortázar, die Gedichte der Hippie-Ikone Richard Brautigan, die Repräsentanten der Beatnik-Szene und die Vertreter des magischen Realismus. Mit 17 Jahren begann Joshua Groß Gedichte zu schreiben. Es folgten Essays, Kurzgeschichten, Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und Rezensionen. Lyrik schreibt er, weil er als „investigativer Poet“ mit einigen „Kumpanen und befreundeten Säbelzahntigern“ durch diese diffuse Epoche „schlurcht“. Sie dokumentieren, weil es nicht anders geht und halten sich die Tentakel, die aus dieser verworrenen Epoche hängt, fern. Als Detektive sind sie nicht zu vereinnahmen – „aber sie sezieren die Gegenwart mit unkonventionellem Scharfsinn“. Damit hängt auch das Bedürfnis zusammen, sich als Autor so präzise wie möglich zu erklären.
Sein Buch „Der Trost von Telefonzellen“, das er mit 21 Jahren schrieb, setzt ein Initium, einen Anfang, der wiederum nur gesetzt werden kann, wenn man sich vom Bisherigen distanziert: Zwei befreundete Studenten brechen aus der erstarrten Routine des Alltags aus und fahren in einem alten VW-Bus durch Franken. Der angehende Maler Luca Tasso, der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, und der Erzähler Emil Mino, ein Szene-Lyriker, sind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sie führen ein „Doppelleben zwischen müder Ignoranz und dem Bewusstseinszustand eines Superhelden“. „Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, Kinder zu haben, in dieser abgefuckten und zerstörten Welt“, sagt Luca. Das Gefühl einer zeitweisen Ohnmacht in finsteren Zeiten ist berechtigt, denn die Wirklichkeit wird nicht ignoriert, sondern lediglich „seziert“. So heißt es auch in seinem Büchlein „Bewusstseinspfannkuchen“ (2014): „Wir fügen der Wirklichkeit einen Schnitt zu, den wir nicht umgehen können.“
Es bleibt nicht beim Gefühl, nichts tun zu können – Groß’ Protagonisten haben eine Wirkung in der Wirklichkeit. Sie wollen sie zum Besseren verändern. Denn die Chance, dass etwas gut ausgeht, besteht immer. „Daran zu glauben, ist unsere Aufgabe“, sagt Joshua Groß. Das vermittelt auch „Der Trost von Telefonzellen“: Auf einem abgelegenen Parkplatz bei Altdorf verkaufen die beiden Freunde auf gestohlenen Tapeziertischen antiquarische Bücher. Es gibt für sie keinen besseren Platz für die Literatur als diesen – und eine alte Telefonzelle, die Professor Luigi Fontano aus seinem Wagen zieht. „Diese lebensnotwendigen Kabinen menschlicher Einsamkeit und Zusammenkunft werden nach und nach abgerissen und dann ist alles aus – wir sollten so ein Teil auftreiben“, sagt Luca. Denn seine Generation weiß sehr genau, dass sie auch definierbare Beziehungen zu Orten braucht, Konstanten in der modernen vernetzten Gesellschaft, um Halt zu haben und sich nicht zu verlieren. So steht die Telefonzelle symbolisch für einen verlässlichen Schwerpunkt, an dem man sich innerhalb der Welt orientieren kann, aber auch für die Konkretisierung eines Gefühls und für Sinn, der dort beginnt, „wo die Sprache aufhört“.
Der Fotokünstler Philippe Gerlach, Jahrgang 1982, dokumentiert im Roman, der zahlreiche Anspielungen auf Pop-Kultur, B-Movies der 1970er-Jahre, die Literatur des Magischen Realismus sowie Richard Brautigan enthält, mit der Kamera das Lebensgefühl der jungen Generation. Während der Bildjournalismus häufig nach dem „spektakulären Schnappschuss“ jagt, spürt er mit luzider Lässigkeit jene nachhaltigen Momenten und Augenblicken auf, in denen Menschen, Räume oder Situationen ihr Wesen offenbaren. Dabei geht es um die Wahrheit des Augenblicks, wie sie häufig nur in Sekundenbruchteilen und an den Rändern des Geschehens aufscheint. Beide befragen und ergründen in diesem Buch das diffuse Chaos unserer Epoche, begleitet von mystischer Lakonie und eigenwilliger Ironie.
Im Roman entwickelt sich in erstaunlicher Eigendynamik ein spontanes Musikfestival namens „Woodstock11“, das die Protagonisten nicht mehr erleben, weil sie längst „abgefahren“ sind. Was (zurück-)bleibt, ist die alte Telefonzelle – und das Festival als erzählerische Leerstelle im Roman. Es geht Joshua Groß vor allem darum, den Leser einzubinden, der sich allerdings nicht voreilig dazu verleiten lassen soll, Texte sofort einzuordnen, zuzuordnen oder abzustempeln. Er ist davon überzeugt, dass sich Neues nicht erzählen lässt, wenn man sich nicht bemüht, neu zu erzählen. Dafür muss auch immer die Form überdacht, „ausgetrickst und gesprengt“ werden. Der Autor muss sich sogar selbst und die Leser austricksen, „damit nicht die immer selben mentalen Trampelpfade wieder und wieder (unbewusst) abgelaufen werden“.
Das, was im Roman ausgelassen wird, soll sich der Leser selbst hinzudenken. Damit folgt er dem Beispiel Julio Cortázars, einem argentinischen Autor, für den der komische Roman „durch Ironie, Auslassung, unablässige Selbstkritik und Phantasie in Niemandes Diensten erschaffen“ werden und so gestaltet sein soll, „dass man an seinen Rändern einen Gehalt von größerer Wichtigkeit erahnt“. In seinem Roman „Rayuela“ heißt es in Kapitel 79, dass der Leser dadurch zum Komplizen und Weggenossen gemacht wird, „dass man ihm unterm Deckmantel einer konventionellen Handlungsführung andere, mehr esoterische Richtungen suggeriert“. So ist der Leser Mitbeteiligter und Mitbetroffener der Erfahrung, „die der Romanautor durchgemacht hat, im gleichen Augenblick und der gleichen Weise“.
Für Joshua Groß sind Komplizen Menschen, denen es um Auseinandersetzung geht, und die keine Erklärung brauchen, die sich im Idealfall aufrichtig begegnen, zwischen denen Akzeptanz und Verständnis wächst und die sich im Prozess immer weiter kennenlernen. Komplizenschaft ist einer der wichtigsten Begriffe im Kontext der Generation Y, für die es keine ausgeprägte Trennung mehr von privat und öffentlich gibt. Komplizenschaft ist komplett entgrenzt und entfaltet sich in der Aktivität und der gemeinsamen Begeisterung für eine Sache. Aber sie ist auch temporär: Menschen treffen zusammen, sie haben eine Idee, gemeinsam etwas zu tun und sie beschließen wie die Romanfiguren von Joshua Groß, es auch umzusetzen. Komplizenschaften ergeben sich sehr schnell und sind zielorientiert. Doch nach der Umsetzung kann diese auch ebenso schnell wieder aufgelöst werden.
Gesa Ziemer, Professorin für Kulturtheorie und Vizepräsidentin für Forschung an der HafenCity Universität in Hamburg, hat das Konzept der Komplizenschaft als Form gemeinschaftlichen Handelns untersucht und den Begriff aus dem strafrechtlichen auf den kreativen Kontext übertragen und gefragt, ob wir dort nicht auch komplizitär agieren – ohne ein kriminelles Ziel zu verfolgen. Wir wollen niemanden umbringen, niemanden ausrauben, sondern eine neue Idee oder ein neues Produkt generieren. Komplizenschaft heißt Regelbruch und Mittäterschaft: Man handelt und schafft Resultate. Für Ziemer sind Komplizenschaften allerdings keine Freundschaften, sondern projektorientierte, sehr schnelle Gemeinschaften, die etwas zusammen tun, aber wieder auseinandergehen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben.
Am Ende des Buches von Joshua Groß sind die beiden Hauptfiguren dann auch keine Komplizen mehr, sondern Freunde und Detektive. In „Bewusstseinspfannkuchen“ begegnet dieser Verweis ebenfalls: „Ich bin ein miserabler Detektiv. Aber ich bin ein Detektiv. Detektive finden. Detektive werden gefunden. Detektive suchen nicht.“
In „Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem Spätkapitalismus“ bewegt sich das Geschehen ebenfalls im Dazwischen. Diesmal muss der Leser mehr Detektiv sein und weniger Komplize. Zeitkritische Fragestellungen sind im aktuellen Buch mit comichaftem Trash verbunden. Durch inhaltliche Überspitzung werden die Bedingungen gesellschaftlicher Veränderungen ebenfalls hinterfragt. Während der Autor in seiner „unerhörten Begebenheit“ auf Untergrundmythen und Verschwörungstheorien zurückgreift, auf William S. Burroughs, Surfmusik und Kapitalismuskritik, verbindet Philippe Gerlach die Geschichte erneut mit seinen Fotos – diesmal von sturmverwüsteten amerikanischen Städten, die auch für den Treibsand der Gegenwart stehen, in dem die magischen Rosinen verborgen sind.
Der kleinkriminelle Musikfetischist Mascarpone wehrt den Wunsch seines Freundes Sergio ab, mit dem Longboard „einfach komplizenhaft zu rollen“. Er verfällt der „schlau-biederen“ Sahra Wagenknecht, einer „aromatisierten Fee von Planwirtschafts Gnaden“ und Verfechterin einer radikalen gesellschaftlichen Sehnsucht. Beide erkennen, dass Utopien durchaus real werden können. Der Magnetismus, der beide verbindet, führt sie nach New York, wo es zum Showdown kommt zwischen unbeugsamen Surfmusikern, Revolutionären und haltlosen „Bösewichtern“. Sie machen sich auf die Suche nach den magischen Rosinen – einem Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins. „Niemand glaubt an ihre Existenz, aber jeder will sie haben.“, sagt Sahra Wagenknecht, die Streitereien mit dem Geliebten als „Hegeleien“ bezeichnet, etwa wenn es um Phrasen in Politik und Gesellschaft geht. Aber am Ende zählt auch hier wie im Debütroman von Joshua Groß nur das, „was wir machen“. Beim Handeln gibt es keine Phrasen. Die Botschaft ist so einfach wie eindeutig. Es geht nicht allein um das Lebensgefühl der jungen Generation, sondern um uns alle. Der Trost der Telefonzellen erinnert daran.

Alexandra Hildebrandt